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Anstoß zum Nachdenken

Reformation

Gedanken zum 31.Oktober

Reformation

So lautet das Motto zur Reformation in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Gott neu entdecken: Warum? Gibt es was Neues?

Einzigartig sein - das war eine Entdeckung der Reformation. Mein Fingerabdruck zählt. Ich bin nicht Teil einer Masse, eines Standes oder einer Kaste, schicksalhaft darin verwoben. Gott schuf den Menschen nach seinem Bild als Mann und Frau... deshalb wissen wir, dass das Individuum zählt und die Persönlichkeit in ihrer Würde zu achten ist. Gott ist einzigartig und die Menschen in ihrer Vielfalt jeweils sein oder ihr Spiegelbild, ob schwarz, behindert oder transsexuell. Ob wir das tatsächlich schon begriffen haben? Hier macht `Gott neu entdecken` Sinn.

Wegweisend - sind die 10 Gebote, die Seligpreisungen, das Doppelgebot der Liebe. Gott gibt Orientierung durch tradierte Glaubenserfahrungen und Zeugnisse, niedergeschrieben in der Bibel, verkündigt durch Predigt und Lied, vermittelt durch Bildung.

Mein türkischer Nachbar meint: Man kann auch ohne Religion ein guter Mensch sein. Mag sein. Aber was ist, wenn es dem Menschen mal nicht gut geht oder er nicht gut handelt? Die reformatorische Erkenntnis war, dass Gott die Freiheit schenkt, auch zu irren und zu scheitern. Gott ist gnädig, eine Neuausrichtung ist möglich.

Das Bild vom guten Menschen ist außerdem zu hinterfragen. Wer formt es? Sind es Eltern mit ihren Erwartungen, Bildungseinrichtungen eines Staates oder privater Träger, marktwirtschaftlich ausgerichtete Unternehmensphilosophien? Die jüdisch-christliche Tradition bietet hier eine wohltuend kritische Distanz zur Welt. Und ihr geht es weniger um das Individuum, darum ein guter Mensch zu sein, als vielmehr um das gute Leben aller. Der Fokus liegt auf der Gemeinschaft. Gott motiviert, dieses gute Leben zu suchen und führt zu dem, was mir und den Nächsten dient.

Im Unterschied zu Luthers Zeiten müssen wir über Wege zum guten Leben als globale Herausforderung sprechen. Das ist neu und erfordert eine neue Kommunikation.

Unendlich - Beim Anblick des Sternenhimmels wird uns manchmal die Unendlichkeit bewusst. Das Universum mit seiner Weite ist beeindruckend, auf der Erde fühlt man sich da ganz klein, fast unbedeutend. Und doch ist man als Mini-Teilchen aufgehoben im ganzen, großen Energiefeld.

Manche sagen: das Universum ist ein faszinierendes Zufallsprodukt andere sehen Gott als ErstbewegerIn, die "Liebe zum Leben" als Prinzip und Sinn des Ganzen dahinter. Vielleicht ist das ein Konstrukt und Denkmodell. Es meint: Gott ist jenseits unserer Vorstellungskraft, der oder die ganz Andere, manchmal weit weg und nicht verstehbar. Und das ist gut so. Gott ist nicht manipulierbar, sondern souverän und allmächtig.

Für mich ist die Unendlichkeit Gottes, in der Raum und Zeit aufgelöst ist, eher emotional zu begreifen. Der Blick in die Weite einer Landschaft oder hoch in den Himmel versetzt in Staunen und ergreift im Innern. Demut, Ruhe und Gelassenheit stellen sich ein. Solche Momente könnten wir öfter haben und immer wieder neu entdecken!

Unbegreiflich gerecht - Es heißt, Gott ist gerecht. Gott ist solidarisch, leidet mit und befreit. Das bezeugt die Geschichte Jesu. Die Ersten werden die Letzten sein und die Armen glücklich. Auf die Schwachen wird Rücksicht genommen, Reiche gehen leer aus. Das entspricht nicht unserer Erfahrung. Der Weg zu einer gerechten Gesellschaft scheint weit, fast aussichtslos. Und die Hoffnung, dass irgendwann ein Zeitpunkt kommt, wo Unrecht gesühnt wird, schwindet. Gott, als letzte Instanz!?

Die reformatorische Freiheit besagt: Gott richtet und macht gerecht. Vor Gott zählt der Glaube - nicht die Werke. Gottes Gnade "rechtfertigt den Sünder", richtet den Menschen auf. Er ist von Gott angenommen und geliebt. Im Sinne dieser Freiheit gestalten wir heute die Beziehung zu unseren Mitmenschen, übernehmen Verantwortung für uns selbst und andere. Wir sind verantwortlich - bezogen auf unsere Vorfahren wie auch auf unsere Nachkommen. Die aktuelle Frage ist: Wie werden wir ihnen und damit Gott gerecht?

Möge Gott uns zu Antworten verhelfen und damit neu entdeckt werden.

Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel