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Anstoß zum Nachdenken

"Wir sind das Volk"

Monatsspruch November

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein. (Hesekiel 37,27)

"Wir sind das Volk": Nicht die Fremden, die ungebeten zu uns kommen. Nicht die Flüchtlinge und die Schutzbedürftigen, die uns unser sauer Verdientes wegnehmen. Nicht die "Raumfremden" also, die hier nichts zu suchen haben, wie es von rechtsaußen tönt. "Wir sind das Volk": Nicht die da oben - die Besserwisser und Schlauberger, die Politiker und die Presse, die arrogant das Volk da unten verachten und belügen, die dem Volk seine ehrliche Meinung rauben und ihm korrektes Denken vorschreiben wollen. "Wir sind das Volk": "Wir hier" und nicht "Ihr dort". Eine fein säuberliche Grenze wird gezogen, eine Mauer, hinter der das Volk sich in seinem Krähwinkel verschanzen und unter sich bleiben kann. Natürlich ist klar, wo die Guten sitzen, die Anständigen, die Ehrlichen, das Volk eben - und wo die Gefahr lauert.

"Ihr seid mein Volk" - spricht Gott. Ihr seid das Volk Gottes - herausgehoben aus allen Völkern. "Freilich nicht, weil ihr etwas Besonderes wäret gegenüber allen Völkern. Denn ihr seid eigentlich das unbedeutendste Volk unter allen Völkern" (5. Mose 7,7). Sondern Gott hat sein Volk auserwählt, weil er es zu seinen Zeugen bestimmt hat vor aller Welt. An seinem Schicksal offenbart sich Gott, damit einst alle Völker sich bekehren und zu dem einen Volk Gottes sich vereinen. "Wir sind das Volk Gottes" - nicht weil wir uns selbst ermächtigt haben, um uns den Platz an der Sonne zu sichern: Die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten - müssen weg. Sondern weil Gott uns beauftragt hat, damit am Segen und am Elend seines Volkes, an den Guten wie den Schlechten gleichermaßen, seine Liebe und seine Güte ablesbar werden und unter allen Nationen strahlen.

Gott hat Israel befreit aus der Sklaverei Ägyptens, damit die Welt sieht: Gott steht auf der Seite der Unterdrückten und Verfolgten - und sein Volk steht in der Pflicht, seinerseits sich der Schwachen und Wehrlosen anzunehmen. Gott hat Fleisch angenommen in Jesus Christus und wohnt unter seinem Volk, damit die Welt sieht: Gott steht auf der Seite der Sünder und Versager, der Irrgänger und Besessenen - und sein Volk steht in der Pflicht, einander zu vergeben und gütig mit seinen Feinden umzugehen.

Gott wohnt unter uns und will unser Gott sein, damit wir sein Volk sind! Dessen dürfen wir uns freilich nicht rühmen, als würde der Allerhöchste unsere selbst hochgezogene Mauer der Arroganz gegen den Rest der Welt verteidigen. Wenn wir uns schon rühmen und stolz auf unser Volk sein wollen, dann rühmen wir uns unseres alltäglichen Versagens, weil gerade deshalb Gott sich unserer erbarmt. Wir sind das Volk Gottes - nicht um uns verängstigt herauszuheben aus der Schar der Barbaren, sondern um uns zu leuchtenden Zeugen der Güte und Großherzigkeit Gottes für alle Welt hinzustellen. Wir sind nicht das Volk - das Volk an und für sich - bedroht von all den "Anderen". Sondern wir sind Gottes Volk - das Volk durch ihn und für alle - im Dienst der Völker. Damit die Welt Gott erkennt und alle Völker friedlich vereint ihm dienen.

Dr. Martin Schulz-Rauch