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Anstoß zum Nachdenken

Alle Jahre wieder ...

Alle Jahre wieder ...

...ist der Jahresanfang mit guten Vorsätzen gepflastert. Mehr Sport, weniger essen; mehr Zeit für die Kinder, weniger Überstunden. Freundschaften pflegen, Natur genießen, ökologischer denken, Hobbys ausbauen.

Gute Vorsätze halten uns auf Trab! Also schieb ich gleich noch einen nach. Den Feiertag heiligen, den Sonntag ehren: Wie wäre es damit? So jedenfalls empfiehlt es das dritte Gebot: Mal nichts tun; die Seele baumeln lassen; sich treiben lassen, grad so wie es kommt. Nichts arbeiten, nichts erledigen, nichts auf die Beine stellen. Nur da sein, das Leben genießen - die Familie, die Freunde, die Natur. Klingt verlockend, macht Lust auf mehr. Doch wie selten genehmigen wir uns diesen Luxus! Grad mal für ein paar kurze Wochen im Urlaub. Um dann stöhnend, ächzend, dauermüde wieder in die graue 7/24-Tretmühle einzusteigen.

Doch das dritte Gebot will höher hinaus als Balou mit seinem Motto:"Probiers doch mal mit Gemütlichkeit!"

Gott ruhte am Sonntag, nachdem er sechs Tage lang gewerkelt und gearbeitet hat. Sein Ruhen am siebten Tag ist sogar das Ziel seines Schaffens. Unser Leben ist eben mehr als nur Broterwerb, Vorankommen, Karriere, im Dienste anderer stehen. Ja klar, das ist natürlich wichtig, dass wir nicht auf der faulen Haut liegen, sondern unsere Verantwortung wahrnehmen, im Dienst unsere Pflicht zu tun und als geöltes Rädchen im großen Getriebe zu funktionieren. Gott hat ja auch geschafft. Doch unser Leben hat einen eigenen Wert jenseits und unabhängig von aller Arbeit - eine Würde, die wir nicht verdient haben, sondern die uns geschenkt ist - eine Einzigartigkeit, die wir nicht verteidigen müssen, sondern die wir genießen dürfen. Unsere Würde wird angetastet, wenn wir stets auf Abruf in den Startlöcher stehen, überall und immer verfügbar. Unsere Würde wird angetastet, wenn wir nicht mehr krank sein können, weil sonst der Betrieb zusammenbricht. Unsere Würde wird angetastet, wenn wir zur Verschiebemasse werden, allseits flexibel einsetzbar, ohne unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche und Nöte zu berücksichtigen.

Gott hat uns den Sonntag geschenkt und uns den Auftrag gegeben, ihn durch Ruhe zu heiligen. Diese Ruhe nach harter Arbeit dient nicht nur - ja nicht einmal vorrangig - der Wiederherstellung unserer Arbeitskraft. Die Ruhe nach harter Arbeit ist vielmehr Zeichen dafür, dass Gott nicht fleißige Leistungsträger, sondern heilige Ebenbilder geschaffen hat, die - in ihm - sich selbst genug sind. Wer ruht nach vollendeter Mühe und die Früchte seines Tuns betrachtet, wer ruht nach langer Wanderschaft durch dürre Wüste und erschöpften Wurstelein durch grauen Alltag, um entspannt tief durchzuatmen - der erfährt das Heil, für das Gott uns bereitet hat. Das Heil unseres Gottes, jetzt in diesem Leben und nicht in weiter Ferne am Ende aller Tage - das Heil unseres Gottes, heute oder spätestens am Ende dieser Woche - wenn wir in unserer Ruhe genießen, dass Gott uns um unserer selbst willen geschaffen und uns eine unantastbare Würde geschenkt hat.

Dr. Martin Schulz-Rauch