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Archiv: Berichte

Polizei und Terror

Beiräte des Polizeipfarramts auf Spurensuche in Berlin

Ankunft
`Mein allererster Besuch in Berlin. Schon der Hauptbahnhof war eine Attraktion. Die „Kanzlerlinie“ (U55) brachte uns zum Brandenburger Tor. Bei Regen und zu Fuß ging es hindurch von Ost nach West zum Reichstagsgebäude - entlang der einstigen Mauer, die im Pflaster markiert ist.´ C.Müller / Fotos:privat

"Ich hab noch einen Koffer in Berlin,

deswegen muss ich nächstens wieder hin.

Die Seligkeiten vergangener Zeiten

sind alle noch in meinem Koffer drin."

Dieser Koffer beschwor in den 60er Jahren Berliner Anhänglichkeiten und evoziert bei manchem ganz eigene Erinnerungen. Einen heiklen Koffer polizeilicher Art hat jetzt das Deutsche Historische Museum in Berlin gemeinsam mit der Deutschen Hochschule der Polizei an- und ausgepackt. In der Ausstellung „Ordnung und Vernichtung – Polizei im NS-Staat“ dokumentieren sie erstmals bundesweit die Verstrickungen von Schutz- und Kriminalpolizei in die Unterdrückung, Verschleppung und Vernichtung Missliebiger des Naziregime.

Vier Beiräte des Polizeipfarramtes, P.Friedl, B.Käs, C.Loos, C.Müller, nahmen dies zum Anlass gemeinsam mit Polizeipfarrer W. Hinz nach Berlin zu reisen, um den „Unseligkeiten vergangner Zeiten“ nachzuspüren, auch denen der Stasi-Verfolgung und der durch Mauer zweigeteilten Stadt.

Andreas Mix, einer der Kuratoren, führte kenntnisreich durch die chronologisch-thematische Präsentation auf zwei Etagen im I.M.Pei-Bau hinter dem Zeughaus. Rund um markante „Leitobjekte“(Schriftstücke, Einsatzmittel oder Persönlichkeiten) werden hier die Etappen der Vereinnahmung durch die Nazis veranschaulicht. So wird z.B. an einem Schlagstock aus den 20er Jahren verdeutlicht, wie diese an sich zivile Neuerung (in Ablösung des wilhelminischen Säbels!) bei der Polizei auf wenig Gegenliebe stieß und von den Nazis schließlich durch einen martialischen Hirschfänger ersetzt wird. Viel Raum nimmt die Radikalisierung der Polizei im Krieg ein und ihre aktive Beteiligung am grenzenlosen Morden im Osten. Wolfgang Hinz

Ordnung und Vernichtung - Polizei im NS-Staat

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Haltekelle mit Hakenkreuz Foto:DHM

Das eine vorweg: Die Ausstellung ist gelungen und sie hat regen Zuspruch – und das ist gut so. Nach mehr als 60 Jahren war es nicht nur an der Zeit – wie Minister Rhein meint – sondern überfällig, sich mit der Polizeigeschichte im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Andere Berufsgruppen haben dies – auch nach langem Zögern – schon vor längerem getan: Mediziner, Juristen und andere. Die Polizei war nicht nur "eingebunden" in das Unrechtsregime, sondern hat sich bereitwillig zur Verfügung gestellt. Obwohl vieles bereits bekannt war, ist es erschütternd zu sehen, wozu Polizei – nach über einem Jahrzehnt Weimarer Demokratie – fähig war. Ob sich höhere Polizeiführer dem Regime verweigert hätten ist mir nicht bekannt. Dies alles macht die Ausstellung in hervorragender Weise für jeden Besucher deutlich. Den wenigen Widerständlern in der Polizei – meist in niederen Rängen – hätte ich allerdings mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Und für einen demokratischen Neubeginn ist auch die Frage der Kontinuität in personeller und konzeptioneller Hinsicht von Bedeutung. Auch hier hätte ich mir mehr gewünscht.

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SA und Schupo vereint - privates Album 1933. Stadtarchiv Heilbronn

Ach ja, zur Kontinuität: Noch 1963 wurde die Vergangenheit der Polizeihaupt-kommissare K. und P. des PP Frankfurt öffentlich. Am 1.1.1963 waren von den 2064 Polizeivollzugsbeamten des PP Frankfurt 25 Beamte ehemalige Angehörige der allgemeinen SS, SS-Polizeidivisionen, der Waffen-SS, des Sicherheitsdienstes und der Gestapo (Q: Magistratsberichte). Die Hessische Polizeirundschau 9/1977 berichtet von der Errichtung einer "Kriminaldirektor Dr. Karl Schäfer-Gedächtnisstiftung". Dr. Schäfer war als Kriminaldirektor im Reichssicherheitshauptamt tätig. Nachzulesen in einem zum Zeitpunkt der Stiftungserrichtung von der Stifterin herausgegebenen Buches. Ein Marburger Professor hat dies 1995 aufgegriffen. Seit dem trägt die Stiftung einen anderen Namen. Der schon 2008 von der IMK beschlossenen Ausstellung, nach Minister Rhein zu Recht ein Meilenstein, ist zu wünschen, dass ihr regionale Studien, z. B. auch für Hessen, folgen. Vorbilder gibt es: So liegen aus den Bundesländern Hamburg, NRW, Schleswig-Holstein bereits ausführliche Studien vor. Hessen fehlt hier leider(noch). Peter Friedl

Schleuse
Gefängnisführung mit Maik (l.)

Der Stasi-Knast in Hohenschönhausen

"Stasi-Knast"...wie das Wort alleine schon klingt! Als erfahrener Polizist habe ich so manches Gefängnis schon von Innen gesehen und so manchen Übeltäter "ins Loch gesteckt". Also hatte ich keine großen Vorstellungen von dem, was an einem Stasi-Knast Besonderes dran sein soll. Gefängnis ist Gefängnis.....egal ob in Butzbach, Preungesheim, Weiterstadt oder halt Hohenschönhausen. Zellen sind Zellen, Verwaltungsräume, Freigang im Innenhof...alles ähnlich - dachte ich.

Stasi-Garage
Kraftfahrabteilung Hohenschönhausen
Zellentür
Zelle 116

Zunächst versprühte die Gesamtanlage noch den Charme unserer alten "Kraftfahrabteilung" der Frankfurter Polizei. Dies verflog allerdings schnell, als unser Führer (ein ehemaliger Häftling, einsitzend wg. "Republikflucht") uns in das "U-Boot" führte. Ein unterirdischer Zellentrakt mit überwiegend fensterlosen Räumen, 6-8 Mann-Zellen, Toilettenkübel und kaum Frischluftzufuhr, die Tageszeiten bestimmt durch Glühbirnen.

STASI-Büro
`Gesprächsgelegenheit´

Auch der neuere, oberirdische Teil ist auf Psychoterror ausgerichtet. Im Gegensatz zum "U-Boot": Einzelzellen, Fenster aus blickdichten Glasbausteinen - aber immerhin schon mit Toilette ausgestattet. Kein Kontakt zur Außenwelt, weder Fernsehen, Radio, noch Tageszeitung oder Zeitschriften und auch keinen Kontakt zur Gefängnis-Innenwelt. Selbst Gespräche mit anderen Häftlingen waren nicht möglich. "Freigang" fand einzeln in einem wenige Quadratmeter großen, von 5m hohen, glatten Betonmauern umgebenen Innenhof statt, der Blick zum Himmel zusätzlich noch durch Drahtverhaue gestört.

Den einzigen "menschlichen" Kontakt bildeten die Verhöre durch Mitarbeiter der Stasi. Manchmal 3 an einem Tag, dann wieder wochenlang gar keine. Totale Verunsicherung. Die Gefangenen wussten nicht einmal in welchem Gefängnis sie einsaßen. Rund um das Gefängnis war eine Sperrzone eingerichtet. Gefangentransporte wurden in als Handwerkerfzg. oder Anlieferer getarnten Transportern durchgeführt. Die Anwohner in Berlin-Hohenschönhausen hatten keine Kenntnis darüber, dass es in der "Sicherheitszone" überhaupt ein Gefängnis gab. Bedrückend.

Allgemeine Erleichterung kam auf, als Maik, der ehemalige Insasse, am Ende den schweren Schlüsselbund rasselnd in die Höhe hob, eine gemeinsame demokratische und menschliche Zukunft beschwor und mit den Worten "Jetzt haben wir die Schlüssel in der Hand", die Führung schloss. Burkhard Käs

Versöhnungskirche innen
Aus Lehm: der Neubau der Versöhnungskirche

Besuch der Versöhnungskirche und des Mauerdenkmals

Besonders berührt wurde ich von der Berliner Mauer bislang eigentlich nicht, haben wir doch „unseren“ Startbahnzaun, der in Teilen auch eine - sogar bemalte - Mauer ist. Beeindruckt hat mich der Besuch dieses Teils von Berlin dann aber doch. Die oft abstrakte Geschichte der Teilung Berlins wird konkret in den Bildern und Geschichten rund um die Bernauer Straße, wo die Versöhnungskirche (erbaut 1892) ab 1961 im Todesstreifen der Mauer stand und nicht mehr betreten werden konnte. Trauriger Höhepunkt war die Sprengung im Januar 1985 durch die DDR-Regierung, knapp 5 Jahre vor dem Sturz des Regimes und dem Fall der Mauer. 10 Jahre später (1995) beginnt die Versöhnungsgemeinde auf dem Boden der alten Versöhnungskirche den Bau der Kapelle der Versöhnung, die Einweihung ist am 9. November 2000. Diese Kirche spiegelt die Geschichte der kleiner gewordenen Gemeinde und ihrer finanziellen Möglichkeiten, aber auch ihres Bewusstseins, denn sie wird ohne Heizung aus Lehm und Bruchstücken der alten Versöhnungskirche gebaut; Betonmauern als Sinnbild des Regimes wollen die Menschen für ihr Gotteshaus nicht.

Aufsicht II
Hermetisch abgeschlossen: der Todesstreifen / Mauergedenkstätte

Ab 1998 entwickelt sich rund um die Kapelle der Versöhnung das Gesamtkonzept „Gedenkstätte Berliner Mauer“ vom Mauerpark bis zum Nordbahnhof, dessen Erweiterung zum 13.August 2011, 50 Jahre nach dem Bau der Mauer, fertig ist. Der Verlauf der Mauer, die in großen Teilen Berlins schon aus dem Stadtbild verschwunden ist, wird abwechselnd durch Mauerreste, Bodenplatten oder Pflastersteine und Eisenstelen kenntlich gemacht. Mir gefällt diese Visualisierung, da sie Mauer und Eisernen Vorhang, durch den Rost und den bröckelnden Putz aber auch deren Vergänglichkeit sichtbar macht.

Die Integrationskraft spiegelt sich auf beiden Seiten der überwundenen Mauer wieder, da sich die Versöhnungsgemeinde unter anderem auch die Integration von Behinderten und Nichtbehinderten zum Ziel gesetzt hat. Sichtbares Zeichen dafür ist das Mauercafé, in dem wir, freundlich umsorgt, die Eindrücke auf uns wirken lassen konnten. Christopher Loos

Das waren die Schwerpunkte einer sehr dichten Studienreise des Polizeipfarramtes der EKHN, die einem ins Bewusstsein rufen, was staatliche Gewalt alles anrichten kann. Das eigene Eingriffshandeln als Polizist reflektiert man danach mit einer anderen Sensibilität. Christoph Müller

Autoren jeweils im Text