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Archiv: Berichte

Polizeiaufbau in Palästina

Ein Reisebericht

Gräbe Mutschke
Propst Dr. U.Gräbe und A.Mutschke

„Man merkt schon was“, eröffnet Propst Dr. Uwe Gräbe das Gespräch. „Auf meinen Fahrten nach Nablus fühle ich mich jetzt viel sicherer.“ Ein schönes Kompliment für Andreas Mutschke, hessischer Polizeibeamter und seit über einem Jahr Programmdirektor bei EUPOL-COPPS (European Union Police Mission – Coordinating Office for Palestinian Police Support). Diese europäische Initiative bemüht sich seit 2006 in den Palästinensergebieten eine Zivilpolizei aufzubauen, die internationalen Standards genügen und im Innern für Ordnung und Sicherheit sorgen soll. Vor dem Hintergrund der Rivalitäten von Fatah und Hamas und unter den kritischen Augen der Israelis eine Sisyphusarbeit, die erste Früchte trägt.

Klagemauer Nacht
Jerusalem, Klagemauer

Der Propst weiß, wovon er spricht. Als Seelsorger der Deutschen Lutherischen Gemeinde in Jerusalem kümmert er sich auch um Gemeindeglieder in der Westbank, in Nablus z.B. um einen Kreis deutschstämmiger Frauen. Sie hatten in den 60er Jahren Palästinenser geheiratet, ihre deutsche Staatsbürgerschaft aufgegeben und leben nun im Alter unter schwierigsten Bedingungen. Z.Zt. also keine Hausbesuche, während derer in den Straßen Schüsse fallen.

First Aid
In der First-Aid-Ecke: W.Hinz

Solche Arbeitsbedingungen lassen einen Pfarrer aus Deutschland nicht kalt. Auch dann nicht, wenn er als Polizeipfarrer mit Gewalt und ihrer polizeilichen Bekämpfung vertraut ist. Seit 10 Jahren betreue ich u. a. hessische Polizeibeamte, die ins Ausland entsandt werden und ihre Familien, die zurück bleiben. Zu dieser Arbeit gehört in Abständen auch, sich vor Ort ein Bild von den polizeilichen Aufgaben, den Belastungen und Gefahren zu machen. Nach zwei Besuchen im Kosovo bot sich Palästina an, wo nach Walter Rees nun schon der zweite Hesse seinen Dienst versieht. Anders als im Kosovo umfasst hier das Mandat keinen Polizeidienst auf der Straße, wie in Afghanistan geht es um den Aufbau, die Ausstattung und die Ausbildung einheimischer Kräfte.

A.Mutschke
A.Mutschke vor der Projektwand im Büro

Am Rande von Ramallah liegt das Hauptquartier von EUPOL-COPPS, ein mehrstöckiges ehemaliges Wohngebäude, die Belegschaft international, fast jedes EU-Land ist vertreten. Von hier aus nehmen die Field-Adviser ihren Dienst in der Region wahr, beraten palästinensische Polizisten vor Ort und bilden sie weiter, z.B. wie man effektiv und abgesichert Straßenkontrollen durchführt. Hier findet auch die Programmarbeit statt, deren Ziele die technische Ausstattung und spezielle Trainingsprogramme sind.

PolWagen Jericho
`Der ist auch von uns.´

Aufgabe des Leiters Andreas Mutschke ist es dabei, potentiellen Sponsoren (EU-Geberländer) sinnvolle Projekte zu unterbreiten, mit der palästinensischen und der israelischen Seite(Cogat) abzustimmen und von einer UN-Organisation (UNOPS) umsetzen zu lassen. Viele Interessen sind dabei zu berücksichtigen, Hürden zu nehmen und Rückschläge wegzustecken. Dass Israel der palästinensischen Polizei die Anschaffung schusssicherer Westen verweigert, ist dabei nur einer, wenn auch bezeichnender.

Eine Rundfahrt durch das Umland gibt weitere Aufschlüsse. Die Westbank ist durchsetzt von Kontrollstationen, so genannten Checkpoints. Israel hat das Gebiet in unterschiedliche Sicherheitszonen aufgeteilt und jeder Übergang wird gesondert kontrolliert – ein mühsames Vorankommen, vor allem für die Einheimischen. Trotzdem tut sich was. Die Bautätigkeit in Ramallah aber auch in Jericho und Bethlehem zeugt von einem gewissen Aufschwung. In Jericho plant die EU ein Millionenprojekt: die neue Polizeischule soll eine kontinuierliche Ausbildung sicherstellen. Ihre Zukunft hängt wie alles in der Region an der weiteren politischen Entwicklung.

Mauer Bethl
Die Mauer bei Bethlehem

Davon zeugt auch das Internationale Begegnungszentrum in Bethlehem, initiiert vom Pfarrer der Lutherischen Gemeinde. Mit finnischer Hilfe errichtet und 2000 in Betrieb genommen wurde es von israelischen Soldaten 2002 im Innern verwüstet. Die Spuren sind mittlerweile bis auf ein martialisches „Erinnerungsloch“ in der Werkstattdecke wieder beseitigt. Ähnliche Erfahrungen haben die Europäer mit Polizeieinrichtungen im Gazastreifen gemacht. Dort stagniert die Arbeit immer noch.

Graffiti3

In Bethlehem sieht man sich unmittelbar mit der Mauer konfrontiert. Seit ein paar Jahren baut Israel an dieser gewaltigen Absperranlage am Ostrand des Großraums Jerusalems, doppelt so hoch wie die in Berlin, deren Fall sich gerade zum 20.Mal jährt.Sinn und Zweck wird mittlerweile auch auf israelischer Seite bezweifelt. Zwar sind die Anschläge in Israel seit ihrer Errichtung spürbar zurückgegangen, die wirtschaftlichen Folgen aber - an ihrer Ostseite sind u. a. Mieten und Grundstückpreise rapide gesunken - sorgen für eine Verdichtung durch Zuzug aus anderen Gebieten, an dem Israel gerade nicht gelegen sein kann. Ganz zu schweigen von der öffentlichen Wirkung international. Wie einst in Berlin machen junge Leute ihrer Empörung durch phantasiereiche Graffitis an der Mauer Luft.

Graffiti1

Diese Grenze müssen die EUPOL-COPPS-Angehörigen täglich passieren. Die meisten wohnen in Jerusalem unter Bedingungen, die denen zu Hause entsprechen. Auch der Kontakt zur Familie und die Heimfahrten sind unkomplizierter als in anderen Einsatzgebieten. Jede Fahrt zum Dienst wird so zu einem Wechsel zwischen den Welten. Auch wenn ihre Dienstfahrzeuge weniger Schikanen ausgesetzt sind, bleibt das Gefälle immer spürbar. Bei einer abendlichen Essenseinladung schilderten mir die beiden deutschen Kollegen, Andreas Mutschke und Rainer Stephan (Schleswig-Holstein), ihre persönlichen Eindrücke. Trotz der deprimierenden politischen Gesamtsituation, der Rückschläge und Behinderungen in der Projektarbeit ist diese europäische Initiative z.Zt. das einzige, was zwischen den verfeindeten Lagern funktioniert und Perspektive bringt. Ein Umstand, der neben der beruflichen Herausforderung bei beiden für eine gewisse Zufriedenheit sorgt. Auch die merkt man, glücklicherweise.

Polizeipfarrer Wolfgang Hinz