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Archiv: Berichte

Migranten im Polizeidienst - warum?

Eindrücke von einer Tagung in der Evangelischen Akademie Arnoldshain

Ob Deutschland "Einwanderungs-", "Zuwanderungsland" oder nichts dergleichen sei, war für die 35 TeilnehmerInnen keine Frage mehr. Der Wandel von einer ethnisch homogenen, wertpluralistischen Gesellschaft zu einer multiethnischen und mulikulturellen ist in vollem Gange und von Interesse dabei vor allem, wie die Politik diesen Realitäten Rechnung trägt - auch innerhalb der Polizei.

"Migrationshintergrund" ist zu einer Eignungsvoraussetzung geworden, die AbiturientInnen einen privilegierten Zugang zum Polizeiberuf eröffnet. Interkulturelle Kompetenz erweist sich zunehmend als eine unverzichtbare Qualifikation aller Polizeibediensteter. Zugleich erhofft man sich durch die Repräsentation der neuen Bevölkerungsstrukturen in den eigenen Reihen mehr Effektivität und, als eine allen Bürgern nahe Polizei, breitere Akzeptanz. Chancen und Probleme hierbei wurden innerhalb von drei Tagen (3.-5.September) in aller Breite diskutiert.

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Die TeilnehmerInnen nebst Glocke auf der Terrasse der Akademie.

Einige Fragestellungen waren dabei leitend:

Ist Ermitteln und Vermitteln zwischen den Kulturen gleichzeitig möglich?

Geraten die Betroffenen zwischen alle Stühle - innerhalb der Polizei, aber auch im Verhältnis zu ihren Familien?

Welche Hilfestellungen für den Einzelnen sind möglich, welche gegenüber Institutionen?

(Programm und Materialien zur Veranstaltung siehe unten)

Leitender Polizeipfarrer Wolfgang Hinz

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Nachfolgend einige Eindrücke Beteiligter im Rückblick auf die Veranstaltung:

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Wenn das Normale anstrengend wird.

Wie reagieren meine neuen Kollegen auf mich?

Hat der Bürger aufgrund meiner Erscheinung Vorbehalte gegen mich?

Wie beurteilen mich Menschen mit türkischem Migrationshintergrund?

Solche Fragen spuken im Kopf eines hessischen Polizeibeamten mit Migrationshintergrund herum. So erging es auch mir, als ich meinen Dienst bei der Bereitschaftspolizei in Mühlheim antrat. Vorneweg: Ich landete in einer guten Einheit und meine Kollegen und meine Vorgesetzten nahmen mich hervorragend auf. Trotzdem kamen die klassischen Fragen: Trägt Deine Mutter ein Kopftuch? Wird Deine Schwester zwangsverheiratet? Und natürlich gab es Kollegen, die Ethno-Witze erzählten - häufig mit dem Nachsatz „Das meine ich jetzt gar nicht so.“

Dienstlich gesehen setzte ich mich selber unter Druck, denn mit Migrationshintergrund und der Sprachkompetenz nimmt man eine Sonderrolle ein. Also versuche ich alles richtig zu machen und spreche eine klare, gestochen scharfe, deutsche Sprache. Nicht dass es heißt, der Türke kann kein Deutsch. Und die Amtssprache, dass hatte man mir schon in der Ausbildung eingetrichtert, ist Deutsch.

Bei der ersten Streifenfahrt am Frankfurter Hauptbahnhof hielten meine Kollegen eine Person an mit dem Kommentar "Der ist gut" (für eine Überprüfung). Ich schaute hin: dunkle Haare, dunkle Augen. Hm, das könnte auch ich sein. So stehe ich also hin und wieder zwischen Kollegen und Menschen, die meinem ursprünglichen Kulturkreis angehören. Ein Spagat, der viel Kraft und Fingerspitzengefühl erfordert.

Diese und ähnliche Erfahrungen konnte ich während der Tagung austauschen, und es tut gut, wenn Kollegen dafür Interesse zeigen. Aufgrund der oben genannten Zwänge, der Erwartungshaltung und dem Druck, dem man sich selber aussetzt, ertappe ich mich manchmal bei einem Gedanken, einer Sehnsucht: Einmal ein ganz normaler, deutscher Polizeibeamter zu sein.

Tayfun Güven

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Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 2050 und die Hessische Polizei hat nicht genug Polizistinnen und Polizisten.

Der für mich wichtigste Zukunftsausblick, den ich von dieser 3-tägigen Tagung mitgenommen habe ist:

Demographische Vorhersagen zeigen auf, dass die deutschen Bevölkerungszahlen 2050 so mager sein werden, dass es bereits jetzt (!) eine eher personaltechnisch unbedingt „notwendige“ als multikulturell „verträumte“ Wirklichkeit ist, verstärkt Migrantinnen und Migranten in die Hessische Polizei zu rekrutieren.

Bei gleichen Aufnahmebedingungen, wie bisher auch, sollen in Zukunft Migrantinnen und Migranten in verstärkter Anzahl, als ebenbürtige und gleichberechtigte Partner der Exekutive, gemeinsam mit ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen die öffentliche Sicherheit in unserem gemeinsamen Deutschland wahren.

Nesrin Tavasolli-Aghdam

Ausländerbeauftragte / PÖ 32, Polizeipräsidium Frankfurt am Main

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Sehr geehrter Herr Hinz, sehr geehrter Herr Sievering,

haben sie herzlichen Dank dafür, dass ich als nordrhein-westfälischer Polizeibeamter an Ihrer Tagung „Migranten im Polizeidienst – warum?“ vom 3. bis 5.9.2007 in der Evangelischen Akademie Arnoldshain teilnehmen durfte.

Das Tagungsprogramm war ein äußerst sinnvoller Mix aus Wissenschaft und Praxis, aus polizeilicher Binnenperspektive und fundierter, externer Sicht. Insbesondere die beiden biografischen Referate einer Kollegin und eines Kollegen mit Migrationshintergrund, die beide bereits seit vielen Jahren erfolgreich in der Polizei arbeiten, waren sehr eindrucksvoll. Sie untermauerten auf besonders authentische Weise, dass die multikulturelle Gesellschaft auch einer Entsprechung in der „Polizeigesellschaft“ bedarf – als Selbstverständnis im Sinne von Integration und als Gewinn an Vielfalt und Kompetenz für die Polizei.

Genauso wichtig wie die überwiegend hervorragenden Referenten war für mich die interessante Mischung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Der hierarchieübergreifende Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, darunter weitere mit Zuwanderungshintergrund, sowie mit fachkundigen „Externen“, war sowohl im Rahmen der Diskussionen über die Referate als auch in den Pausen und an den Abenden äußerst informativ und instruktiv.

Ich hoffe sehr, dass die Atmosphäre der evangelischen Akademie auch in Zukunft für differenzierte Diskurse über Polizeifragen genutzt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Udo Behrendes

Polizeidirektor

Leiter der Polizeiinspektion Mitte des Polizeipräsidiums Köln

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Migranten im Polizeidienst – warum?

Als einer, der als „Nicht-Migrant die Diskussion zu diesem Thema seit Jahren aufmerksam verfolgt, gab die Veranstaltung ein erfreuliches Signal: Sie, die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten mit dem sogenannten Migrationshintergrund scheinen – zumindest in Großstädten – immer mehr Normalität zu werden. Vorbei die Zeit, als auch ein hessischer Staatssekretär noch sinngemäß verkündete, dass Ausländer für die hessische Polizei nicht in Frage kämen.

Wohler allerdings wäre mir, wenn die Begründung verstärkter Werbung nicht (nur) instrumentell begründet würde – wie dies Prof. Jaschke darstellte – sondern mehr noch die Überzeugung zum Ausdruck käme, dass in einer „bunten“ Gesellschaft diese „Bunten“ auch Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen haben sollten. Und dies auch ohne privilegierende Bedingungen, was auch wiederholt während der Tagung artikuliert wurde.

Auch wurde deutlich, dass Vorbehalte überall dort, wo sie vorhanden gewesen sei mögen – auch hier sei der Verweis auf die Untersuchung von Jaschke aus den neunziger Jahren über die Frankfurter Schutzpolizei gestattet – durch praktische Erfahrungen in den allermeisten Fällen abgebaut werden konnten.

Migranten im Polizeidienst – warum nicht?

Peter Friedl

Programm und Materialien zur Veranstaltung

W.H.