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Aug um Auge, Zahn um Zahn!

"Kunst statt Knast" - ein Projekt der Jugendrechtspflege in Mainz

Aug um Auge, Zahn um Zahn!

1. Aug um Aug - Zahn um Zahn! So lautet - allseits bekannt - im Alten Testament der Grundsatz humaner Strafgerichtsbarkeit. Es soll verhältnismäßig zugehen, Tat und Folge sollen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen: Wer einem ein Auge verletzt, der hat als Strafe höchstens sein eigenes Auge verwirkt - nicht aber sein ganzes Leben, wie blindwütiger Rachedurst es fordern würde.

Handabhacken etwa als Ahndung für ein so geringfügiges Eigentumsdelikt wie Diebstahl würde den Rahmen humaner Verhältnismäßigkeit sprengen. Aug um Aug - das kann nur heißen: Wer etwas wegnimmt, dem darf höchstens auch etwas weggenommen werden. Wir nennen das etwas vornehmer Bußgeld oder Tagessatz.

Generell kann man natürlich fragen: Welches Interesse kann ein Geschädigter, kann die Gesellschaft daran haben, daß nach dem Strafvollzug nicht nur ein Halbblinder sondern gleich zwei durch die Gegend laufen? Was bringt dem Opfer die körperliche Züchtigung, ja die Bestrafung des Täters überhaupt - außer der atavistischen Genugtuung: "Dir hab ich´s gezeigt?" Nur eine angemessene Kompensation, die das Opfer vom Täter für den erlittenen Schaden - wirtschaftlich wie psychisch - erhält, bringt etwas.

Aus diesem Grund sieht schon das Alte Testament einen reichen Katalog von Ersatzleistungen vor: Wenn z.B. zwei Männer streiten und dabei eine Frau so verletzen, daß ihre Leibesfrucht abgeht, so braucht natürlich nicht die schwangere Frau des Täters zur Abtreibung gezwungen werden. Wer hätte etwas davon? Vielmehr sind Geldbußen zu entrichten zum Ausgleich für Arztkosten und verlorene Arbeitsleistung von Frau und Kind - so wie unsere Gerichte heute für verlorene Füße, Zähne, Zeigefinger Schmerzensgelder festlegen.

2. Natürlich: "Strafe muß sein" - sagt gesunder Menschenverstand. Denn unser ganzes Leben beruht auf dem Grundprinzip von Geben und Nehmen. Alles hat seinen Preis: Der Frisörbesuch genauso wie der Traumurlaub. Ich kriege etwas - z.B. einen Salatkopf oder eine Dienstleistung - und bezahle dafür. Das gilt auch im Privaten: Wer mich einlädt, der kann von mir eine Gegeneinladung erwarten oder wenigstens ein paar Blumen für die Dame des Hauses und ein Päckchen Bratwürste für den Grill. Unbeliebt macht sich, wer Freibier nur tankt, doch niemals selbst eine Runde schmeißt: Das sind die vom Stamme Nimm. Peinlich darum auch jene wertvollen Geschenke, die man mangels Vermögen niemals gleichwertig zurückerstatten kann: Man bleibt in der Schuld des Gebers.

Alles hat seinen Preis - geben und nehmen eben! Nur dann sind wir miteinander im Reinen, wenn unsere Kontostände halbwegs gegeneinander ausgeglichen sind. Genau das bedeutet "Frieden" in der Bibel - Shalom: Wir geben etwas und erhalten Angemessenes zurück. Dann sind wir quitt! Dann haben wir Frieden miteinander.

Natürlich gibt es Menschen, die nehmen sich etwas - wollen aber nichts dafür zurückzugeben. Sie klauen und behalten das Diebesgut für sich; sie erpressen und streichen skrupellos ihren Vorteil ein; sie prügeln und lassen das Opfer gedemütigt auf der Strecke. Es gibt Menschen, die wollen immer nur kriegen, doch nie ihre Rechnung zahlen. Das stiftet Unfrieden, und wir verlangen nach entsprechender Bezahlung - nach angemessener Strafe eben! Das nennen wir Sühne! An Sühne besteht auch ein öffentliches Interesse: Den Frieden bewahren, die Gültigkeit des Rechtes sichern, indem wir den Grundsatz der Gleichheit zwischen Geben und Nehmen aufrechterhalten - ja notfalls mit Gewalt durchsetzen.

Maßstab für den Ausgleich der Kontostände bleibt jedoch stets das Prinzip: Aug um Aug - die angemessene Verhältnismäßigkeit muß bewahrt werden. Wer etwas weggenommen hat, dem wird gerade soviel weggenommen, wie das gestohlene Gut wert war - nicht mehr natürlich, damit nicht plötzlich ein Überhang in die andere Richtung entsteht. Doch da niemand Interesse daran haben kann, Brandwunden mit Brandwunden und Schläge mit Schlägen zu ahnden, hat man irgendwann Gefängnisse erfunden und die Leibesstrafen langsam, aber sicher abgeschafft.

Aber auch Gefängnisse bleiben eine zwiespältige Angelegenheit. Was bringt es, jemanden wegzusperren - es sei denn natürlich präventiv zur Gefahrenabwehr, falls weitere Schädigungen und Gewaltanwendungen drohen? Gefängnisaufenthalte können schließlich auch neue Straftaten provozieren! Eigentlich kann die Gesellschaft kein Interesse daran haben, jemanden einzubuchten: Das kostet vor allem viel Geld - mit bekanntermaßen diskutierbaren Erfolgen bei der Resozialisierung.

3. Glücklicherweise erinnert sich der Gesetzgeber in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr an die Prinzipien längst vergangener Tage: Unsere Alten kannten keine Gefängnisse, nur Gegenleistungen - als Mittel der Sühne, um den Frieden wiederherzustellen! Diese Gegenleistung muss nicht geldwert sein. Sie muss nur der Tat angemessen sein: Aug um Aug eben! Ansonsten kann sie ganz unterschiedliche Formen annehmen! Und um wieviel glücklicher ist sie gewählt, wenn sie nicht nur Kompensation und Gegenleistung ist, sondern zugleich Nützliches produziert, wichtige Lernerfahrungen vermittelt und den Bestraften persönlich weiterbringt.

Genau das ist das Anliegen des Projektes "Kunst statt Knast": Seit zehn Jahren besteht in Mainz die Möglichkeit, straffällig gewordene Jugendliche, die eine Strafe ohne Bewährung zu verbüßen haben, nicht einzusperren, sondern gerichtlich ihnen eine bestimmte Stundenzahl an Arbeitseinsatz in einem Maleratelier aufzuerlegen. Unter fachmännischer Begleitung werden hier Ölbilder, Kollagen, Filmsequenzen und Steinmetzarbeiten hergestellt - von Jugendlichen gleichermaßen entworfen und konzeptioniert sowie in einem längeren Prozess sodann ausgeführt. Zwar ist die helfende Hand des Anleiters mal mehr, mal weniger zu sehen. Doch seither über 400 junge Männer und Frauen, die häufig schwierigen sozialen Verhältnissen entstammen und weder daheim noch in der Schule mit Erfolgserlebnissen verwöhnt worden sind, konnten hier (z.T. erstmals seit ihrer Kindheit) erleben, ernst genommen zu werden, gute Ideen haben und auch bis zum Ende ausführen zu dürfen, schöne Resultat zu sehen und stolz auf sich sein zu können. Statt sich als Randsteher der Gesellschaft und Nichts-Könner zu erleben, werden hier völlig neue Selbst-Erfahrungen vermittelt.

4. "So ein Käse", empört sich der rechtschaffene Bürger. Wo bleibt da die Strafe, wenn es auch noch Spaß macht? "Strafe muß weh tun!" Und genau da haben wir ihn wieder, den tiefverwurzelten Atavismus von "Rübe ab": Wer nicht hören will, muß fühlen.

Wie gut nur, daß unsere Alten - die Fundamente unserer Leitkultur sozusagen - da moderner gedacht haben und uns andere Muster an die Hand geben. Wir entdecken sie gerade wieder! Warum, bitte schön, soll Strafe wehtun? Strafe dient nicht dem rachsüchtigen vorsätzlichen Zufügen von Schmerzen. Strafe dient vielmehr der Sühne, der Wiederherstellung von Shalom und Rechtsfrieden - und das heißt der akzeptablen, anerkannten Relation von Geben und Nehmen. Das aber nach dem strikten Prinzip von Auge um Auge, bzw. sinnvollerweise von Vergehen und angemessener Ersatzleistung. An Schmerz, Leid und Demütigung kann sich nur verbitterter, ressentimentgeladener Atavismus ergötzen.

"Kunst statt Knast" ist eine geniale Idee! Sie macht Ernst mit biblischen Überzeugungen einer Strafrechtskultur. Und vermittelt zugleich jungen Leuten mit häufig demütigenden Biographien ein neues Selbstwertgefühl! Denn auch sie haben ein Recht auf Frieden, auf Shalom, auf menschenwürdigen Ausgleich zwischen Leistung und Anerkennung - nämlich auf die Erfahrung, nicht nur Fußabtreter ihrer Umwelt zu sein, sondern durch engagierte Pädagogen ernstgenommen und persönlich weitergebracht zu werden. Das werden sie durch "Kunst statt Knast".

Denn nur solche Jugendliche, die selbst Frieden, die selbst Shalom erleben, sind bereit, den Shalom, die Unversehrtheit anderer zu achten.

Ansprache zur Vernissage am 30.6.05, Altmünstergemeinde Mainz

Martin Schulz-Rauch