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Es ist ein Kreuz mit dem Leid ...

Eindrücke aus der Praxis als Polizei- und Notfallseelsorger

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Kreuze am Wegesrand.

Manche ganz schlicht, manche fast wie eine Grabstätte - immer aber ein Mahnmal menschlicher Schicksals-schläge. Angehörige haben sie aufgerichtet, Freunde legen Blumen nieder, Kinder oder Jugendliche geben ihr Lieblingsspielzeug zur Erinnerung.

Wenn der Streifenwagen ein Wegkreuz passiert und der Blick darauf fällt, kommen vielleicht wieder Bilder hoch vom Tag der Unfallaufnahme und den nachfolgenden Begegnungen und Gesprächen als Sachbearbeiter.

In meinem Zuständigkeitsbereich gab es in diesem Jahr eine Häufung tödlicher Verkehrsunfälle, darunter viele mit ganz jungen Opfern. Das geht auch "Hartgesottenen" unter die Haut und rührt sie an. Zwar schützt die professionelle Distanz und erhält die Handlungsfähigkeit in actu, aber bei uns im ländlichen Raum ist es keine Seltenheit, dass man die Beteiligten "von Angesicht zu Angesicht" kennt als Nachbarsjunge oder Schulkameradin. Und (spätestens) dann gelten andere psychische Gesetzmäßigkeiten.

Im berufsethischen Unterricht an der Verwaltungsfachhochschule greife ich das auf beim Thema "Überbringen von Todesnachrichten". Dabei ist mir eine doppelte Zielrichtung wichtig: Zum einen, dass die Studierenden ein Gespür für die Situation der Betroffenen entwickeln und sich in deren Blickwinkel hineinversetzen können, zum anderen, dass sie authentisch mit ihren eigenen Emotionen umgehen und ihr "Bauchgefühl" weder verleugnen noch darin versinken. Und weil ich als Notfallseelsorger oft genug selber vor Ort bin und Polizeibeamte auf solchen "Kreuzwegen" begleite, weiß ich als Polizeipfarrer, wovon ich rede.

Dennoch (oder gerade deswegen) sitzt auf der Mauer, auf der Lauer nicht (!) der Seelsorger in gespannter Erwartung des nächsten Betreuungsopfers. Einsatzkräfte haben in aller Regel ein gesundes "dickes Fell" und verfügen über gut funktionierende individuelle Strategien zur Aufrechterhaltung ihrer psychischen Balance und Stabilität. Vorschnelle oder übertriebene Angebote des "Händchen-haltens" sind da kontraindiziert und rufen eher Abwehr und Abschottung hervor. Gleichwohl besteht latent ein offensichtlich großes Bedürfnis zu reden, denn indem ich "einfach so" eine Schicht besuche, da bin, mitfahre, eine Tasse Kaffee trinke ... wird mir plötzlich von (mitunter lange zurückliegenden) heftigen Einsätzen, von persönlichen oder dienstlichen Sorgen und Nöten erzählt. Das Leid steckt eben doch im Kreuz und sucht sich sein Ventil, und das ist gut so.

Dagegen ist es "nicht gut, dass der Mensch allein sei", jedenfalls aus Sicht der zu biblischen Zeiten vorherrschenden Sozialgestalt der Sippen- und Familienverbände nicht. Leider gibt es heutzutage gerade dort eine dunkle Kehr- und Schattenseite, die mir mehr und mehr bewusst wird.

Zwei Beispiele: 1. Die kleine Tochter eines aktiven Feuerwehrmannes reagiert mit Schrei- und Weinkrämpfen auf Flammen jeder Art, selbst harmlosen Adventskerzen. Bei der psychologischen Anamnese stellt sich heraus, dass sie Gesprächsfetzen bezüglich eines örtlichen Wohnungsbrandes mit zwei Toten aufgeschnappt hatte und darüber zunehmend in regelrechte Panikattacken geriet.

2. Das Kind eines in Heiligendamm beim G8-Gipfel eingesetzten Beamten sieht im Fernsehen einen brennenden Polizeiwagen und bricht in bittere Tränen aus vor lauter Angst, seinem Papa wäre etwas Schlimmes passiert.

Diese und ähnliche Life-Geschichten machen mir immer deutlicher, wie sehr die Tätigkeit der Gefahrenabwehr - ob beruflich oder im Ehrenamt - in sich das "Kreuz" potentieller Eigengefährdung trägt, einschließlich der Mitbelastung des eigenen Umfelds. Und das hat m.E. eine hohe Würdigung und Wertschätzung verdient, weit über die stereotypen Grußwortfloskeln von den "Partnern, ohne die es nicht geht" hinaus. Hier ist schlicht Herzblut gefragt, insbesondere seitens der Führung, ehrlicher Dank und persönliche Anerkennung zur rechten Zeit am rechten Ort.

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Foto:W.Steinhaus

So ist es also wahrlich ein Kreuz mit dem Leid, aber irgendwie muss zugleich etwas Tröstliches und Hoffnungsvolles dahinter ste-cken, sonst würden wohl kaum all die Kreuze am Wegesrand stehen! - Das nebenstehende gehört zu Anna, einer Schülerin meiner Frau. Ihre Fröhlichkeit, ihre Ungezwungenheit und ihr Lächeln waren ihr Kapital, bewahrt und aufgehoben in den Herzen ihrer Kurs-kameradinnen. Woraus ich schließe, dass Wegkreuze Zeichen gegen das Vergessen sind in unserer schnelllebigen Zeit. Und der, an dessen Kreuz ich glaube, steht Seinerseits dafür ein, dass unsere Namen unvergessen bleiben, weil sie im Himmel - für Zeit und Ewig-keit - aufgeschrieben sind und dem jäh und grausam abgebrochenen Leben Zukunft und Vollendung verheißen.

Das gilt auch für die, die ihren Namen (ihr Leben) mit eigener Hand ausgelöscht und Suizid begangen haben. Einen davon habe ich vor wenigen Wochen beerdigt. Der finale Akt selbst - was immer im einzelnen Anlass und Ursache sein mag - ist Ausdruck ausweg-loser Verzweiflung auf der "Täter"- und Widerfahrnis gnadenloser Gewalt auf der Hinterbliebenenseite. Sie lässt sich nicht schönreden und sperrt sich allen glatten Harmonisierungsversuchen. Selbst das Evangelium vom Kreuz Jesu Christi vermag dieses Leid nicht religiös zu überhöhen noch solchem Tod seinen Stachel zu nehmen. Für mich bleibt am Ende nicht mehr - aber auch nicht weniger! - als das Vertrauen und die Hoffnung auf Gottes Macht, die höher und größer ist "als unsere Schulweisheit sich träumen lässt".

Wovon ich ganz persönlich träume, ist das Ideal(?)bild vom Polizisten als Schutzmann. Jenseits aller Kämpfe ums Erlangen der A11 und mehr, des Ärgers über Beurteilungen oder des Ranking (gar Mobbing) in den Dienstgruppen wünsche ich mir, dass dem FREUND UND HELFER alter Provenienz nie "das Kreuz gebrochen" wird. Denn er (und nicht statistische Zahlenakrobatik) ist es, der dem Bürger im tiefsten subjektive Sicherheit vermittelt und den ich als Notfallseelsorger beim gemeinsamen Überbringen von Todesnachrichten oder als Polizeipfarrer bei der Begleitung von Einsätzen an meiner Seite wissen möchte.

Polizeipfarrer Winfried Steinhaus