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Archiv: Texte

Zu den Anfängen der Evangelischen Polizeiseelsorge in Hessen

Wegen "Übungsalarmbereitschaft" verschoben

Joachim Kietzig, erster  Polizeipfarrer der EKHN
Joachim Kietzig, erster Polizeipfarrer der EKHN

Am 14. Juni 2004 jährte sich zum 20. Mal der Abschluss der Vereinbarung des Landes Hessen mit den Kirchen zur Polizeiseelsorge (StAnz.28/1984 S.1290). Ein Studientag der drei hessischen Polizeiseelsorgebeiräte (Ev. Kirche von Kurhessen und Waldeck, Ev. Kirche in Hessen und Nassau, Katholische Polizeiseelsorge) widmete sich in Fulda diesem Ereignis und seiner Vorgeschichte.

Bereits zwischen den Weltkriegen sind kirchliche Bemühungen um seelsorgliche Unterstützung der Schutzpolizei zu verzeichnen. 1932 ergab eine Umfrage des Ev. Oberkirchenrates zu Berlin, dass auf (ehemals) preußischem Gebiet mit Polizeiseelsorge in Kassel, Hanau, Wiesbaden und Frankfurt begonnen worden war. Noch am 10. April 1933, also kurz nach der Machtergreifung Hitlers, erließ das Reichs- und Preußische Ministerium des Innern erste "Bestimmungen über die Polizeiseelsorge". Mit der Eingliederung der Landespolizei in die Wehrmacht 1937 wurden diese wieder aufgehoben, die kirchliche Seelsorge innerhalb der Polizei unterbunden.

Nach dem Krieg kam Martin Niemöller, seit 1947 Kirchenpräsident der neu konstituierten Ev. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Seelsorge an Sicherheitskräften erstmals im Oktober 1950 in den Blick. Inmitten heftigster Auseinandersetzungen mit Bundeskanzler Adenauer um die Wiederbewaffnung Deutschlands erfuhr er von "Rekrutierungsversuchen" an evangelischen Pfarrern durch amerikanische Militärs. Analog zum eigenen Betreuungssystem durch militäreigenen Chaplains suchten sie entsprechende Begleiter für ihre deutschen Hilfskräfte. Eine solche Konstruktion akzeptierte Niemöller nicht. Die Jahre nationalsozialistischer Gefangenschaft hatten ihn sensibilisiert gegenüber aller staatlichen Gewalt und etwaigen Vereinnahmungsversuchen: "Wenn ein der Landeskirche verantwortlicher Pfarrer berufsethischen Unterricht gibt, so ist das absolut in Ordnung, wenn dieser Unterricht vom Evangelium her erteilt wird und nicht etwa nach den Wünschen und Planungen des Polizeiministers." Das Miteinander von Staat und Kirche in der jungen Republik war erst noch auszuloten. Im Oktober 1952 nahm die Kirchenleitung der EKHN gleichwohl "in Aussicht, für die Polizei im Lande Hessen einen hauptamtlichen Pfarrer anzustellen."

Am 1.Dezember 1952 erhielt Pfarrer Joachim Kietzig neben der Betreuung der Gemeinde Schadeck/ Lahn den Auftrag, die Seelsorge an Polizeiverbänden nicht nur in Hessen, sondern im ganzen Kirchengebiet wahrzunehmen, also auch in Rheinhessen und dem Bereich Montabaur. In Berlin hatte Kietzig zuvor 14 Monate für den Labor Service der Amerikaner gearbeitet, Unterricht und Seelsorge betrieben, war dann aber nach internen Streiks wegen Unstimmigkeiten mit der amerikanischen Führung entlassen worden. Nicht zuletzt dieser Umstand, so ist zu vermuten, qualifizierte ihn in Niemöllers Augen für das neu zu entwickelnde Arbeitsfeld. Mit Elan ging er die Aufgabe an und knüpfte umgehend Kontakte zu Dienststellen und Ministerien in Wiesbaden und Mainz. Aus den Behörden wusste er schon bald von freundlichem Interesse zu berichten, spürte aber auch Reserven gegenüber kirchlicher Einmischungen. Keinen Versuch noch Irrtum scheuend sondierte Kietzig nun das weite Feld der Polizei.

Erfahren in kirchlicher Jugendarbeit begann er mit abendlichen Stubenbesuchen in der Hessischen Polizeischule Wiesbaden. Diese Gespräche über "Gott und die Welt" wurden von den Polizeianwärtern als angenehme Abwechslung im kasernierten Alltag wahrgenommen. Auf Weisung des verantwortlichen Polizeidirektors mussten sie jedoch nach 6 Wochen wieder eingestellt werden. "Um die Sache ins Reine zu bringen, habe ich mich eines abends bis in die Nacht hinein mit Herrn Bellof in ein Weinlokal gesetzt und habe mit ihm bis 12 Uhr getrunken und geredet, aber gegen seine Vorschrift kam ich auf diesem Wege nicht voran", war Kietzigs ernüchterndes Ergebnis in dieser Zugangsfrage.

Kirchliche Vorträge zu ethischen Themen im Rahmen des Dienstes sollten ein- bis zweimal im Jahr an der Landespolizeischule und in den Standorten der Bereitschaftspolizei stattfinden, darüber hinaus auf freiwilliger Basis. Beweglichkeit war dabei nur eine der Tugenden, die dem Polizeiseelsorger abverlangt wurden: "Mein Vortrag, den ich am 9.6. (1953) in Mühlheim zu halten hatte, wurde durch Telefonanruf am Vorabend 22.30 Uhr wegen Übungsalarmbereitschaft abgerufen und auf Ende Juni bis 2. Juli verlegt." Im September 1954 schrieb er gemeinsam mit Dr. Hans Kallenbach die erste "Tagung für Beamte der Polizei" in der Evangelischen Akademie Arnoldshain aus. Interessante Themen ("Die Bedeutung der inneren Sicherheit für den Bau des Staates", "Recht und Gnade in der Exekutive") wie Referenten aus Bonner und Wiesbadener Ministerien zogen vor allem hessische Beamte an.

Die kontroverse Diskussion um einen Vortrag zum Thema "Der Charakter und seine Bildung" führte zu einem für die 50er Jahre bezeichnenden Nachspiel. Als Zuhörer die "Männer des 20. Juli" und deren "Charakter" ins Gespräch brachten, ließ sich Kietzig zu der Differenzierung hinreißen, dem Anschlag auf Hitler lägen zwar ehrenwerte Motive zu Grunde, die Art der Ausführung aber grenzte an Meuchelmord. Eine lebhafte Auseinandersetzung über die Legitimität politischen Widerstandes und seiner Mittel teilte die Hörerschaft in zwei Lager, man überzog die Zeit um ganze 15 Minuten, wie ein dienstlicher Bericht akribisch festhielt. "Der Vorfall wurde mit Herrn Pfarrer Kietzig in dem Sinne besprochen, dass künftig solche Situationen vermieden werden sollten." Erst die Umbrüche der späten 60er Jahre sollten einem politischen Bildungsansatz den Boden bereiten, der "solche Situationen" als notwendig begriff, ja anregte.

Kietzigs Wechsel als Gemeindepfarrer nach Egelsbach bei Darmstadt und eine schwere Erkrankung führten 1956 zu seiner Entpflichtung aus der Polizeiseelsorge.

Wolfgang Hinz

Vereinbarung über die evangelische Seelsorge in der hessischen Vollzugspolizei vom 14. Juni 1984 (StAnz. Nr. 28, S. 1290)

Wolfgang Hinz