Home Polizeipfarramt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Archiv: Texte

Der berufsethische Unterricht in der polizeilichen Ausbildung

Die Aufgabe der Ethik

Das Fach Berufsethik hat im Rahmen der Ausbildung zum gehobenen Polizeivollzugsdienst die Aufgabe, spezifische Tätigkeiten des Polizeiberufes unter ethischem Gesichtspunkt zu reflektieren.

Berufsethik hat mit einem verhältnismäßig geringen Stundenanteil gegenüber dem Kanon der polizeiwissenschaftlichen, juristischen und sozialwissenschaftlichen Fä-cher ergänzende Funktion, da das berufsethische "Nach"-Denken bereits vorhandene oder noch zu erwerbende Wissensstoffe und praktische Fertigkeiten ebenso wie die in den Praktika ansatzweise gewonnene Berufserfahrungen reflektierend begleitet.

In dieser Beschränkung liegt zugleich die für die polizeiliche Ausbildung unentbehrliche Bedeutung der berufsethischen Reflexion in ihrer Konzentration auf das Entfalten der in den anderen Ausbildungsfächern in der Regel lediglich implizit vorgetra-genen Wertentscheidungen. Diese gilt es in zusammenhängender Erörterung ausdrücklich zu benennen, in ihrer inneren Verzahnung sowie Widersprüchlichkeit kritisch nachzuvollziehen und daraus folgend Denkalternativen aufzuweisen, um den fortlaufenden ethischen Reflexionsprozess innerhalb der polizeilichen Praxis zu befruchten.

Idealerweise sollte die Berufsethik sich mit anderen Ausbildungsfächern verzahnen und etwa die Kriminalwissenschaften bei der Darstellungen von Wertentscheidun-gen typischer Täterprofile, die juristischen Fächer beim Entfalten der dem Gesetzeskorpus zugrundeliegenden Normen und die Sozialwissenschaften beim Beschreiben subkultureller Normensysteme unterstützen.

Das "Gute" in der Ethik

Entsprechend der spezifischen Fragestellung der Ethik als umfassender Lehre vom Handeln, die das "Gute" einer Tat nicht hinsichtlich seiner Eignung zur optimalen Zweckerfüllung aufgrund seiner handwerklich-technischen Vollkommenheit sondern hinsichtlich seiner Normenkonformität im Kontext eines vorgegebenen Wertesystems zu beurteilen hat, ist dem berufsethischen Unterricht sowohl die ethische Legitimierung grundlegender gesetzlicher Vorgaben, die den Polizeiberuf regulieren, als auch das abwägende Reflektieren konfliktbehafteter Herausforderungen hinsichtlich der in ihnen sich manifestierenden widerstreitenden Wertentscheidungen aufgegeben. Tagesaktuelle Ereignisse sollen beispielhaft stets mitbedacht werden.

Hierzu empfiehlt es sich, ausgewählte Theoriemodelle verschiedener ethischer Wertesysteme, wie sie die philosophische Tradition bereitstellt, didaktisch aufbereitet im Rahmen des Unterrichtes so mit zentralen Handlungsfeldern der polizeilichen Tätigkeit zu vernetzen, dass im Rahmen dieser Modelle den Studierenden wesentliche polizeiliche Herausforderungen in ihrem ethischen Spannungsfeld durchschaubar und verantwortungsbewusst einer Lösung zuführbar werden.

Ziel dieses berufsethischen Erkenntnisprozesses ist die Förderung der Kompetenz angehender Polizeibeamter, in Konfliktlagen eigenverantwortlich zu einer nicht nur gesetzlichen korrekten, sondern auch moralisch tragfähigen und auf Nachfrage un-ter Rückgriff auf die Denkmodelle der Tradition vernünftig begründbaren Entscheidung zu gelangen.

Die Fähigkeit hierzu wird insbesondere dadurch befördert, dass die Studierenden die den vorhandenen gesetzlichen Regelungen zugrundeliegenden Normen in ihrem vernünftigen Gefüge durchschauen lernen, um so von einem heteronomen, legalistischen Unterwerfen unter ein "Es-ist-halt-so" zu einer autonomen, eigenverant-wortlich vertretbaren, innerlich zustimmenden Entscheidung im Sinne des Gesetzes bei gleichzeitigem Erkennen des Guten einer solchen Gefolgschaft zu gelangen.

Insofern leistet der berufsethische Unterricht einen Beitrag zur Stärkung einer demokratischen Polizei, die nicht obrigkeitsstaatlich diktierte, ihr innerlich jedoch fremd bleibende Normen zu exekutieren hat, sondern als Teil der Bürgergesellschaft durch reflektierendes Nachvollziehen des gesellschaftlichen Normendiskurses die von jedem einzelnen Beamten selbst zustimmend angeeigneten Normen vertritt und zugleich im Rahmen des allgemeinen Diskurses weiterzuentwickeln trachtet.

In der Verfolgung dieses doppelten Zieles der berufsethischen Diskussion empfiehlt sich der Rekurs auf die traditionell bewährte Einteilung der Vielfalt der ethischen Theoriebildungen entlang der drei Modi der Orientierung im menschlichen Handeln an Tugenden, Gütern und Pflichten (Schleiermacher). Bezogen auf spezifische polizeiliche Herausforderungen sind für diese unterschiedlichen Orientierungen folgen-de Ethiktypen repräsentativ:

(1) Die Tugendethik des Aristoteles misst das rechte Handeln am Maßstab seiner Ausrichtung an der Mitte zwischen zwei unangemessenen Extremen gemäß der Tugend der Klugheit als das eingeübte und praxisbewährte Wissen um die Angemes-senheit einer Handlung im Blick auf die Situation und die eigene Leistungsfähigkeit.

(2) Der Utilitarismus etwa in der Ausformulierung von John Stuart Mill macht das Gute einer Handlung daran ablesbar, inwieweit ihre Konsequenzen optimal sind für das Wohlergehen einer möglichst großen Schar von Betroffenen.

(3) Die Pflichtethik Immanuel Kants legt mittels des kategorischen Imperativs dem Handelnden die unbedingte Pflicht auf, jederzeit entsprechend derjenigen Maxime zu handeln, von der er zugleich wollen kann, daß sie als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

Hinsichtlich spezifisch polizeilicher Aufgabenstellung ergeben sich zwanglos und exemplarisch etwa (1) im Rahmen der Erörterung der Tugendethik die moralische Begründung der Pflicht zur Eigensicherung ebenso wie die Notwendigkeit zur Fixie-rung und Publizierung des allgemeingültigen Ethos der Polizeiorganisation in Gestalt eines Leitbildes, sowie (2) im Rahmen der Behandlung des Utilitarismus die moralische Problematik der Folgenabschätzung polizeilichen Handelns bis hin zum Extrem des Schusswaffengebrauchs ebenso wie eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Mittel der Aussagenerpressung in lebensbedrohlichen Lagen, und schließlich (3) im Rahmen der Entfaltung der Pflichtethik ein differenziertes Verständnis der Menschenwürde als Einschränkung der Erlaubnis zur Instrumentalisierung des Sub-jektes zum Objekt ihm fremder Zwecke und dem daraus folgenden Verbot der Zweck-Mittel-Heiligung zur Erreichung eines zwar allgemein erwünschten, moralisch aber bedenklichen Ziels.

Das Phänomen der Gewalt

Dem berufsethischen Unterricht der Polizei ist in Sonderheit die Reflexion des Phänomens der Gewalt in seinen verschiedenen ethischen Aspekten aufgegeben.

Die Fähigkeit zur Anwendung von physischer und psychischer Gewalt gegen sich und andere sowie gegen natürliche und dingliche Gegebenheiten ist jedem Menschen eigen. Der berufsethische Unterricht hat für jene Formen von individueller Gewalttätigkeit, die im Blickfeld des polizeilichen Auftrages sind, sowohl die grund-legende Berechtigung wie auch die stets strittig bleibenden Grenzen einer aggressiven Interessendurchsetzung und Schadenszufügung aufgrund von personalem, situ-ativem und strukturellem Machtüberschuss zu klären.

Der Staat ist diejenige Form menschlicher Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes das Monopol legitimer Gewaltsamkeit mit Erfolg beansprucht (Weber). Die Exekution dieser monopolisierten Gewalt in Form von Androhung und Ausübung ist neben dem Militär, der Justiz und der Verwaltung exklusiv der Polizei als deren spezifische und ureigene Aufgabe übertragen. Der berufsethische Unterricht hat die Notwendigkeit zur gesellschaftsvertraglich festgelegten Einhegung und Kontrolle der Gewalt ebenso ethisch zu begründen wie er sowohl die Legitimität spezifischer Formen polizeilicher Gewaltanwendung als auch deren gesetzlich vorgegebenen Grenzen auf dem Hintergrund der genannten ethischen Theoriemodelle zu rechtfertigen und einsehbar zu machen hat.

In der Ausübung ihres Berufes werden Polizeibeamte einerseits häufig Zeuge massiver gewalttätiger Grenzüberschreitungen ihres Gegenübers mit einem hohen Verletzungspotential bis hin zu Mißbrauch und Tötung des Opfers. Andererseits sind sie zu gravierenden Grundrechtseingriffen bis hin zum tödlichen Schusswaffengebrauch berechtigt.

Der berufsethische Unterricht zielt mittels seiner legitimierenden Denkbemühungen darauf, einen Beitrag zur moralischen Selbstvergewisserung von Polizeibeamten hinsichtlich der Richtigkeit ihres Tuns zum Zwecke ihrer emotionalen Stabilisierung zu leisten, insofern sie regelmäßig mit extremen, die gewöhnliche individuelle Bewältigungsfähigkeit potentiell übersteigenden Formen von Gewalttätigkeit konfrontiert werden. Der berufsethische Unterricht zielt mittels seiner die Ausübung des Gewaltmonopols kritisch begrenzenden Überlegungen zugleich darauf, der potentiellen Gefahr der Selbstüberschätzung und des Machtmissbrauchs einerseits sowie des Empathieverlustes und der Verrohung andererseits durch eine individuelle Ver-innerlichung der gewalteinhegenden Normen seitens des mit überlegenen Möglichkeiten zum Grundrechtseingriff ausgestatteten Polizeibeamten zu begegnen.

Die Kulturbedingtheit ethischer Wertesysteme

Der berufsethische Unterricht bei der Polizei hat das Bewußtsein für die Kulturbedingtheit aller das menschliche Handeln leitenden Normen zu schärfen.

Insofern Normen nur im Rahmen eines umgreifenden Wertesystems deduzierbar und vernünftig miteinander in Relation zu bringen sind, sind normengeleitete individuelle Handlungsentscheidungen stets abhängig von der persönlichen Verortung im Kontext grundlegender sozialisationsbedingter Prägungen und weltanschaulicher Entscheidungen.

Der berufsethische Unterricht zielt auf die nicht-direktive, weltanschaulich neutrale Unterstützung angehender Polizeibeamter bei ihrer individuellen Standortbestimmung durch Bewusstmachung der ihre Handlungen leitenden persönlichen Wer-tentscheidungen zum Zwecke der Stabilisierung ihrer Persönlichkeit im Blick auf die sie erwartenden konfliktbehafteten Herausforderungen.

Der berufsethische Unterricht fördert mittels dieser Persönlichkeitsstabilisierung den respektvoll andere Normenentscheidungen tolerierenden Dialog mit unter-schiedlichen Subkulturen, Kulturen und Weltanschauungen verpflichteten polizeili-chen Kollegen ebenso wie Adressaten des polizeilichen Handelns, zu denen immer mehr Menschen mit einem Migrationshintergrund gehören, als wesentlicher Baustein einer interkulturellen Kompetenz.

Der berufsethische Unterricht hat gleichzeitig die äußerste Begrenzung des Akzeptierens und Duldens fremder Normentscheidungen im Respekt vor den im Katalog der Menschenrechte niedergelegten, durch eigenes oder fremdes Handeln nicht verletzbaren Freiheitsrechten jeden Individuums sowohl kritisch zu bestimmen als auch bei der Diskussion einschlägiger Beispiele aus dem polizeilichen Alltag diskursiv einzuüben, ohne dabei der naheliegenden Gefahr zu erliegen, vorbewusst bleibende eigene Vorlieben und Abneigungen fremdartigem, doch nicht grenzüberschreitendem Verhalten des Gegenübers ethnozentristisch aufzuoktroyieren.

Die ungewöhnliche Diversität von Wertesystemen, denen Polizeibeamte in ihren beruflichen Umgang mit Menschen verschiedener Subkulturen, Kulturen und Welt-anschauungen in zunehmendem Maße begegnen, erschweren im Einzelfall das Ein-schätzen der handlungsleitenden Motive des Gegenübers und die darauf basierende Wahl einer adäquaten polizeilichen Vorgehensweise.

Der berufsethische Unterricht kann durch ein das Verstehen förderndes Nachvoll-ziehen ausgewählter Handlungsnormen wesentlicher, für die polizeiliche Praxis in besonderer Weise relevanter Subkulturen, Kulturen und Weltanschauungen einen Beitrag zur Erleichterung polizeilicher Tätigkeit in einem unübersichtlichen Handlungsfeld leisten.

Die Überbringung von Todesnachrichten

Das der Berufsethik traditionell zugewachsene Thema "Überbringung von Todes-nachrichten" im speziellen und "Umgang mit Sterben, Tod und Trauer" im allgemeinen ist streng betrachtet kein ethisches Thema, wenn hierbei mehr als nur die allgemein zu beachtende Pflicht zum respektvoll-akzeptierenden Umgang mit Menschen in einer Extremsituation und der adäquate Umgang mit der Leiche, die über den Tod hinaus in gewisser Weise an der Würde des einst Lebenden partizipiert und darum eine entsprechende Behandlung verlangt, im Blick sein soll.

Vielmehr zielt die Einführung der Auszubildenden in die schwierige, den ausführen-den Beamten häufig besonders herausfordernde Aufgabe der Todesnachrichtenüberbringung neben der Vermittlung grundlegender Informationen über typische Stationen eines Trauervorganges auf das Nahebringen grundlegender Aspekte einer empathischen, das Gegenüber in seinen Bedürfnissen wahrnehmenden Gesprächsführung.

Quelle: spectrum 01 / 2012, Hrsg. HfPV

Dr. Martin Schulz-Rauch