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Zur Jahreslosung 2008

Staatsminister Karl Peter Bruch

Grußwort anläßlich des Neujahrsempfangs des Polizeipfarramtes der EKHN in Darmstadt am 23.Januar 2008:

Wir haben soeben beim Gottesdienst die Predigt von Herrn Kirchenpräsident Prof. Dr. Steinacker zur Jahreslosung 2008 gehört. Das Wort aus dem Johannes-Evangelium "Ich lebe und Ihr sollt auch leben" hat schon eine Vielzahl von klugen Interpretationen erhalten.

Der Wunsch zu leben ist der wichtigste Motor, der uns Menschen antreibt.

Und doch verstehen Menschen sehr verschiedene Dinge unter "Leben". Das nackte Überleben kann nicht gemeint sein. Gerade das, was darüber hinausgeht, macht unser Dasein sinnvoll, erfüllt, also zu echtem Leben. Glück, Gesundheit, Kinder, Freunde, Wohlstand - vieles macht ein gutes Leben aus. Doch auch da gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Was für den einen unbedingt zur Lebensqualität dazugehört, ist dem anderen nur Ersatz für das Wahre, Echte.

Wenn ich diese Jahreslosung auf das Leben hier und jetzt übertragen will, so bedeutet das: Was brauchen die Menschen an materieller Sicherheit, damit sie über ein Mindestmaß an Lebensqualität verfügen können?

Da stellt sich doch für viele von uns gleichzeitig die Frage: Ist es nicht unwürdig für dieses Land, wenn man von acht Stunden Arbeit nicht leben kann?

Was können, was müssen wir sogar tun, um Hungerlöhne und Niedriglöhne in einer ethisch nicht verantwortbaren Weise zu verhindern?

Denn ein lebenswertes Leben kann in einem solchen Umfeld nicht gedeihen. Wie sollen gerade Kinder in diesem Umfeld die positiven, lebenswerten Seiten des Lebens kennen und schätzen lernen? Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn Kinder in Armut aufwachsen und für sie Leben von Anfang an mit Entbehrungen verbunden ist?

Jesus sagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Ja, ihr sollt auch leben. Jeder von uns soll leben können. Und dieses "leben können" ist für mich mit ganz vielem gefüllt.

Wie viele von Ihnen sicherlich auch, denke ich hier zunächst einmal an den Zusammenhang zwischen Leben und Sicherheit. Leben setzt Sicherheit voraus. Damit ein Leben sich frei entfalten kann, muss es die Sicherheit geben, dass Gefährdungen und unheilvolle Entwicklungen von Leib und Leben eines Jeden ferngehalten werden.

Natürlich betrifft dies zunächst Recht und Ordnung, so wie sie vom Staat durchgesetzt werden: Die Gewissheit, dass jeder sich frei auf unseren Straßen bewegen kann, ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Hier bietet der Staat Sicherheit als Rahmen, innerhalb dessen die Menschen ihre Lebensqualität genießen können.

Ohne diese Sicherheit, innerhalb derer ein jeder sein Leben entfalten kann, wäre Lebensqualität nicht vorstellbar.

Aber lassen Sie uns nicht nur an Sicherheit in diesem engen, auf die Gegenwart bezogenen Rahmen denken, der ja grade in den letzten Tagen und Wochen Gegenstand heftiger parteipolitischer Debatten war. Lassen Sie uns einen Schritt weitergehen und das Feld der Tagespolitik verlassen.

Wir befinden uns in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs. Unter dem Schlagwort "demographischer Wandel" ist es Ihnen allen geläufig. Wir werden in 25 Jahren weniger Menschen in Deutschland sein, und wir werden älter sein. Angesichts unserer schrumpfenden und älter werdenden Gesellschaft müssen aber kommende Generationen die Sicherheit, die Gewissheit haben, dass auch für sie gilt: "Ich lebe und ihr sollt auch leben."

Vor allem ländliche Gemeinden kämpfen um den Erhalt ihrer Lebensqualität. Der Staat hat die Aufgabe, schon heute dafür zu sorgen, dass unsere Gemeinden auch in 25, 30 oder 50 Jahren noch so lebenswert sind wie heute.

In diesen Tagen startet in Rheinland-Pfalz wieder die Initiative "Unser Dorf soll schöner werden". Hier wird ein ganz konkreter, ein ganz praktischer Schwerpunkt gelegt auf das Miteinander vor Ort, auf die Schaffung sozialer Strukturen, um den Charakter unserer lebens- und liebenswerten Gemeinden zu stärken - gerade auch für ältere Menschen und all jene, die Hilfe und Unterstützung in ihrem Leben benötigen.

In diesem Prozess kommt es ganz besonders auf Menschen an, die ihr Leben nicht nur für sich leben, sondern es in den Dienst der Gemeinschaft stellen.

"Ich lebe und ihr sollt auch leben." Verbirgt sich in diesem Satz nicht geradezu die Aufforderung an alle Menschen, nicht nur für sich selbst zu leben, sondern auch für andere? Sein Leben in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, sich zu engagieren?

"Und ihr sollt auch leben" - kommt in dieser Aussage nicht zum Ausdruck: Wenn ihr Hilfe braucht, dann helfe ich Euch? Ich will mich dafür einsetzen, dass nicht nur mein, sondern auch Euer Leben lebenswert ist? Von genau diesem Miteinander lebt unsere Gesellschaft.

Millionen Menschen leisten bereits diesen Dienst für die Gesellschaft. Sie engagieren sich ehrenamtlich. Ob in Sportvereinen, in den Bereichen Erziehung, Kultur oder Kirche: Diese Menschen leben den Satz, der die Jahreslosung der Evangelischen Kirche für das Jahr 2008 ist.

Auch hier ist der Staat gefordert: Diese Menschen zu unterstützen, sie zu ermutigen, weiter auf ihrem vorbildhaften Weg zu gehen. Denn nur wenn auch in Zukunft möglichst viele Menschen bereit sind, ihr Leben in den Dienst unserer Gemeinschaft zu stellen, werden wir es schaffen, die vor uns liegenden Herausforderungen zu meistern.

Das Ziel ist eine Bürgergesellschaft, in der Menschen für ihre Mitmenschen da sind, hingucken statt wegzuschauen, sich gegenseitig stützen, kurz, eine Gesellschaft, die auch angesichts der anstehenden Herausforderungen eine lebenswerte Gesellschaft bleibt.

Gerade aus ihrem christlichen Glauben heraus entwickeln viele Menschen die Überzeugung, nicht nur für sich, sondern auch für andere zu leben. Es ist eine gemeinsame Aufgabe von Kirche und Staat, diese Menschen zu unterstützen, zu ermutigen und zu fördern.

Das eigene Leben lebenswert zu gestalten und sich gleichzeitig für seine Mitmenschen einzusetzen - dies ist eine zentrale Botschaft der Jahreslosung für 2008.

"Ich lebe und ihr sollt auch leben." Die Politik und die Kirchen müssen gemeinsam dafür Sorge tragen, dass dieser Satz nicht nur hier und heute, sondern auch in den kommenden Generationen mit Inhalt gefüllt wird und zur Losung nicht nur für das Jahr 2008, sondern für eine auf das Miteinander gestützte Gesellschaft wird, in der es sich gut und gerne leben lässt.

Staatsminister Karl Peter Bruch