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Ansprache zur Einweihung der Polizeistation Seligenstadt

Befiehl dem Herrn Deinen Weg und vertrau Ihm; Er wird es fügen.

Bild: Polizeipräsidium Südosthessen
Bild: Polizeipräsidium Südosthessen

Liebe Festgemeinde!

Ich stehe auf der B 38 in Sichtweite eines Unfallwagens. Ein junger Mann ist aus noch ungeklärter Ursache von der Fahrbahn abgekommen und mit voller Wucht mit seinem PKW an einem Baum zerschellt. Ein "VU mit", wie es im typischen Polizeijargon heißt, wobei das "mit" hier für Schädelfraktur und Genickbruch steht - jähes Ende eines Weges, eines Lebensweges.

Etwa eine Dreiviertelstunde lang hatte ich zuvor mit einem Motorradfahrer gesprochen, dessen Weg einer fröhlichen, unbeschwerten 1.Mai-Tour sich plötzlich just hier mit dem des tödlichen Unfalls kreuzte.

Wir hatten uns in ein Feuerwehrfahrzeug zurückgezogen, wo er von seiner Rolle als Ersthelfer erzählen und sich seinen Schrecken von der Seele reden konnte. Denn der Verunglückte war praktisch in seinen Armen verstorben, an allen Gliedern heftig zitternd und stark aus Augen, Nase, Mund und Ohren blutend.

Nun stehe ich also auf der B 38, der Ersthelfer neben mir. Das Fahrzeug wird in diesem Moment auf die Pritsche des Abschleppdienstes gehoben. Sprich, es ist vorbei, es wird abgeräumt, der gesperrte Weg wieder freigemacht ... - ein bizarrer, unwirklicher Moment professionell abgewickelter Routine.

Auf einmal kommen ein Kollege und eine Kollegin der PSt Höchst auf uns zu. Wir reichen uns die Hände zum Gruß. Und dann wenden sich die Beamten an den Motorradfahrer und sprechen ihm ihren Dank aus, ihre spürbar von Herzen kommende Anerkennung und Wertschätzung für seine Hilfsbereitschaft und Anteilnahme.

Für mich spontan ein "Augenblick der Wahrheit": nüchterne Professionalität und polizeiliche Routine auf der einen Seite - wohltuende Geste der Menschlichkeit auf der anderen Seite.

Die PSt-Höchst ist dabei austauschbar. Es hätte auch Dieburg sein können oder eben Seligenstadt. Mein Punkt ist nicht der Ort und sind nicht Personen, sondern die Haltung polizeilichen Handelns: Ein ehrliches Dankeschön, von Herzen gesprochen, drückt aus, worauf es ankommt - nicht Dienst nach Vorschrift, sondern wirkliche, echte Bürgernähe, die ihren Namen verdient.

Darauf können wir stolz sein. Der Bau einer neuen Polizeistation bzw. der Umzug in neu gestaltete Räumlichkeiten ist ein Akt staatlicher Generosität, zumal in finanziell so angespannten Zeiten, und trägt eine Menge bei zu einem gedeihlichen Arbeitskli-ma und angenehmen beruflichen Umfeld - danke sehr, Herr Minister!

Aber Menschlichkeit und ethische Substanz polizeilichen Handelns lassen sich weder verordnen noch mit baulichen Maßnahmen allein garantieren. Hier kommt es ganz auf den Geist an, in dem die Beamten unterwegs sind, zumal auf solch schweren, schicksalhaften Wegen wie dem erwähnten.

Es ist der Geist des "Schutzmanns" (respektive der "Schutzfrau") alter Schule, der nicht nur äußerlich seinen Beruf ausübt, sondern noch einer inneren Berufung folgt und sich mit "seiner" Polizei voll identifiziert.

Diesen Geist gilt es zu erhalten und seinerseits zu schützen, denn er ist eine bedrohte Spezies! Leitbilder, Zielvereinbarungen und sonstige Vorgaben bemühen sich darum und werben beispielsweise auf der Internetseite der Hessischen Polizei für einen "faszinierenden Beruf", in dem man (ich zitiere) als "Psychologe, Taktiker, Helfer, Beschützer, Aufklärer und Problemlöser" tätig werde und dafür "kompetent, beherrscht, intelligent und körperlich fit" sein müsse.

Nun wisst Ihr, was für tolle Kerle Ihr seid, gell! Dennoch, jene Kollegen auf der B38 hatten noch ein Quäntchen mehr zu bieten: Sie waren "menschlich", beseelt vom guten alten Geist des "Schutzmanns", und diesen (ich wiederhole) gilt es zu erhalten, dass er die modernen, zeitgemäßen Anforderungsprofile mit Leben füllt.

Wie aber geschieht das, wie setzt man das um ... ? Durch Vorbild als dem eigentlichen und überzeugendsten Leitbild! Bezogen auf die PSt-Seligenstadt also angefangen in persona bei Ihnen, lieber Herr Scholz, dem Dienststellenleiter, und (so darf ich doch hoffentlich sagen) der "Seele des Betriebes".

Vorbild eines Leitbildes der Menschlichkeit als dem tragenden Element des Miteinander-Umgehens, sowohl im Innern der Polizei (und dort auf jeder Stufe der Hierarchie!), als auch nach außen hin im berühmten "Kontakt mit dem Bürger".

Wo immer solche Menschlichkeit geschieht und ihren Platz hat, selbst mitten im hektischen Getriebe einer Unfallaufnahme wie jüngst am 1.Mai auf der B38 ist die Polizei auf einem guten Weg!

Und in diesem Sinn spreche ich Ihnen und Euch von der PSt-Seligenstadt nun jenes Wort aus Psalm 37 als ganz persönliches, biblisches Vor- und Leitbild dieses neuen Hauses und seines alten Teams zu: "Befiehl dem Herrn Deinen Weg und vertrau Ihm; Er wird es fügen". Amen.

Polizeipfarrer Winfried Steinhaus