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Ansprache anläßlich der Ökumenischen Segensfeier zur Einweihung der neuen Dienststelle der PSt Büdingen am 19.Juli 2006

"Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen".

Liebe Polizeigemeinde!

Es ist der 4.Juli, der Abend des denkwürdigen Fußballkrimis Deutschland gegen Italien. Ich besuche die PSt. Erbach und treffe mich dort mit einigen Beamten in einem Extra-Raum, um un-gestört zu sein. In der Ecke läuft der in diesen Tagen unvermeidliche Fernseher, ist aber stumm geschaltet und findet kaum Beachtung. Warum? Weil etwas geschehen ist, das den Rahmen der allgemeinen WM-Hochstimmung urplötzlich sprengt.

"Vater stößt seinen Sohn vom Himbächel-Viadukt", lautet die zugehörige Schlagzeile im DARM-STÄDTER ECHO und beschreibt ein Familiendrama der besonders brutalen Art. Der Bub ist 8 Jah-re alt und wird zum unschuldigen Opfer der gescheiterten Beziehung seiner Eltern - mehr noch, wird zum Rache-Objekt, mit dem der Täter vor dem eigenen Suizid seine Frau fürs Leben treffen will.

Unfassbare Abgründe menschlicher Existenz ... - und als solche (darauf will ich hinaus) immer wieder Teil der polizeilichen Wirklichkeit! Das allein ist für mich Grund genug für großen Re-spekt vor den Frauen und Männern, die zu Dienstbeginn nie wissen, was sie erwartet und mit welch normalen oder abnormalen Herausforderungen sie konfrontiert werden.

Aber es kommt noch ein entscheidender Grund hinzu. Am Boden des Viadukts, dort, wo der kleine Körper aus 40 Metern Höhe aufgeschlagen ist, beginnt ein Kollege sofort mit Wiederbe-lebungsmaßnahmen. Er weiß, dass das sinnlos ist, aber er muss es tun. Es kommt von innen heraus, ist einfach ein Gebot seines Herzens. Dieser Beamte ist selber Vater eines Achtjährigen, und was er hier tut, ist ganz und gar nicht sinnlos, sondern gibt der scheidenden kindlichen Seele an der Schwelle der Todes den Sinn der Menschlichkeit zurück, sodass nicht mehr der Arm, der den Jungen in den Tod stößt, sondern Arme, die ihn halten und Geborgenheit, Innig-keit und wahre Väterlichkeit schenken, das Letzterlebte, Letzgefühlte für den Bub sind.

Mich hat diese Begebenheit im Nachgespräch mit den Beamten zutiefst berührt. Und wenn wir hier und jetzt die Zeit hätten, würdet Ihr Büdinger Eure Geschichten anfügen. Namen und Orte würden wechseln, aber eines wäre der gemeinsame Nenner: die ethische Dimension, inmitten des polizeilichen Alltagsgeschäftes dort, wo es darauf ankommt, menschliche Anteilnahme und Herzenswärme zu zeigen! Und solange es solche Polizisten gibt können wir dankbar und stolz sein.

Der Bau einer neuen Polizeistation - zumal einer so schönen und großzügig angelegten wie in Büdingen - trägt das seine zu den erforderlichen Rahmenbedingungen bei und ist eine wichtige Voraussetzung für gute Arbeit. Für diese Umsetzung von Fürsorgepflicht bedanke ich mich im Namen der evangelischen und katholischen Polizeiseelsorge sehr herzlich bei Ihnen, Herr Mi-nister, nebst allen, die seitens Politik, Planung und Handwerk zum Gelingen beigetragen haben.

Aber Menschlichkeit und ethische Substanz polizeilichen Handelns lassen sich nicht in Stein und Glas allein fassen, sondern bedürfen noch eines anderen Fundamentes.

Das Evangelium spricht von dem Haus, das auf "Fels" gebaut ist und spielt mit dieser Metapher auf die fundamentale Botschaft der so genannten "Bergpredigt" Jesu an, deren bekanntesten Teile neben dem VATERUNSER wohl die SELIGPREISUNGEN sind, die wir vorhin gehört haben. Von denen hat es mir eine besonders angetan: "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen".

Zugegeben: "Sanftmut" als ethisches Fundament polizeilichen Handelns zu bezeichnen, ist schon recht ungewöhnlich (auf so eine Idee kann nur ein Pfarrer kommen!), nicht zuletzt deshalb, weil damit schnell der berühmt-berüchtigte "Softy" assoziiert wird und man das ganze in die falsche Kehle kriegt.

Jedoch: In Sanftmut steckt das Wörtchen Mut, und dessen bedarf es m.E. in hohem Maße, wenn Vollzugsbeamte im täglichen Dienstbetrieb sich nicht nach "Schema F" verhalten, sondern je nach Person und Situation differenziert und flexibel, kreativ und eben - menschlich (!) reagieren.

In Erbach habe ich - pars pro toto - solche Kollegen erlebt, die weit mehr als einen Job machen und ihren Beruf noch als Berufung verstehen. Und wiewohl Deutschland an jenem Abend des 4.Juli 2:0 verloren hat, hat auf einer anderen "Bühne" die Menschlichkeit gesiegt!

Solchen Sieg wünsche ich nun Ihnen, die Sie hier in Büdingen Dienst tun, und darüber hinaus der gesamten Hessischen Polizei auf allen Ebenen der Hierarchie bis hinein ins Ministerium, dass sie vom MUT zur SANFTMUT beseelt sei auf dem Fundament der Menschlichkeit Jesu Christi und Seiner die Ethik polizeilichen Handelns fordernden und fördernden Verheißung:

"Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen". Amen.

Polizeipfarrer Winfried Steinhaus