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Sorgt nicht um euer Leben (Matthäus 6)

Ansprache zum gottesdienstlichen Auftakt des Sommerfestes im Polizeipräsidium Frankfurt

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Mit Andacht unter Bäumen. * Foto 1+3: PÖ/PP-Frankfurt

Dass Feuerflammen uns nicht allzusammen

mit unsern Häusern unversehns gefressen,

das macht's, dass wir in seinem Schoß gesessen.

Lobet den Herren!

*

Dass Dieb und Räuber

unser Gut und Leiber

nicht angetast' und grausamlich verletzet,

dawider hat sein Engel sich gesetzet.

Lobet den Herren!

*

Text: Paul Gerhardt 1653

Liebe Polizeigemeinde,

schreckliche Szenarien haben wir da eben besungen: brennende Häuser, vernichtende Feuer, Diebe und Räuber, Körperverletzungen grausamer Art. Allesamt Situationen, die einem, wenn schon nicht aus persönlicher Betroffenheit, aus den Nachrichten durchaus vertraut sind. Und Polizeibeamten begegnen sie von Berufswegen sowieso eher als andern. Mit dergleichen müssen Sie rechnen und dann professionell damit umgehen.

Paradoxerweise ruft der Liederdichter Paul Gerhardt diese Bilder in seinem Morgenlied nicht deshalb auf, um uns zu beunruhigen, sondern ganz im Gegenteil: er will vielmehr deutlich machen, was uns in der Nacht alles erspart geblieben ist, was hätte passieren können, aber eben nicht passiert ist. Er will vor Augen führen, wovor wir tagtäglich verschont bleiben. Für ihn ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern konkrete Bewahrung, die er Gott zurechnet: in seinem Schoß waren wir gut aufgehoben, seine Engel widersetzten sich dem Bösen. Das sind die positiven Gegenbilder zu den Schreckensszenarien.

Ein reichlich spannungsvolles Neben- und Gegeneinander. Welche Bilder sind stärker ? Was hinterlässt bei uns heute den größeren Eindruck, womit rechnen wir letztendlich !?

Die Kofferfunde der letzten Wochen in deutschen Regionalzügen haben uns da sehr aktuell auf eine neue Probe gestellt. Nur technische Mängel, glückliche Umstände, haben Katastrophen wie in Madrid oder London verhindert. Allen wurde deutlich wie konkret und nah die Anschlagsgefahr auch in unserem Land ist. Wenn die anschließenden Ermittlungen auch erfolgreich waren, so wissen wir doch alle, dass der Prävention auf diesem Feld Grenzen gesetzt sind. Wie leben wir damit?

Ein Leitartikler mutmaßte, ob nach der Flugangst nun auch eine „Zugangst“ um sich greifen wird, die uns nicht nur unsere „Bewegungs“ – Freiheit nimmt. Meine Sekretärin kam letzten Dienstag zu spät zur Arbeit, weil sie wegen eines herrenlosen Gepäckstücks in Offenbach die S-Bahn verlassen und auf die nächste warten musste. Fast hat man den Eindruck, die möglichen Gefahren haben annähernd denselben Effekt, wie Anschläge, die sich tatsächlich ereignet haben. Selbst bei den Bewohnern Londons, die bislang für ihre Liberalität und ihr understatment auch in Krisen berühmt waren, werden schon grundsätzlich Veränderungen in ihrer Haltung konstatiert. Die Sorge durchdringt das öffentliche Leben, so wie sie am Ende „in persona“ bei Goethe den alten Faust bedrängt:

"Wen ich einmal besitze, dem ist alle Welt nichts nütze;

Ewiges Düstre steigt herunter, Sonne geht nicht auf noch unter,

Bei vollkommnen äußern Sinnen wohnen Finsternisse drinnen."

Wahrlich düstere Aussichten, die man nicht allein durch erhöhte Sicherheitsmaßnahmen aufhellen kann, so geboten die auch sind. Bei allen administrativen Vorkehrungen und erhöhter Wachsamkeit sieht sich jeder einzelne auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine eigene Grundausstattung, mit der er sein Leben zu meistern hat. Was haben wir also darüber hinaus einer Übermacht der Sorge entgegen zu setzen ? Ich meine zweierlei: Erfahrung und Überzeugung.

Wir alle teilen hier in Frankfurt gerade noch solch eine frische Gegen - Erfahrung: den Verlauf der Fußballweltmeisterschaft im Frühsommer. Ein gewaltiges Unternehmen, das schon Monate vorher Anlass zu vielerlei Sorgen und Vorkehrungen war. Womit musste man bei diesem internationalen Groß-Event nicht alles rechnen und worauf vorbereitet sein. Je näher die Spiele rückten desto größer wurde die Anspannung bei allen Verantwortlichen, eingeschlossen die Polizei in all ihren Ebenen. Und auch wir Polizeiseelsorger spürten diesen Druck – bei unseren „Gegenübern“, aber auch in den eigenen Reihen. Szenarien wurden durchgespielt. Und doch blieb das unbestimmte Gefühl, dass die Wirklichkeit dann doch ganz anders aussehen würde.

Sie tat es, aber ganz anders als gedacht. Ich weiß noch, wie mir nach dem ersten Wochenende mit den Engländern, die ebenso martialisch wie friedlich unsere Stadt „übernommen“ hatten, erstmals die Idee durch den Kopf schoss: „Das ganze könnte ja gut ausgehen.“ Erleichtert und zugleich ein bisschen beschämt gab ich diesem Gedanken mehr und mehr Raum. Beschämt, weil ich mich selbst fragte: Wo war eigentlich dein Gottvertrauen abgeblieben?

Und so ging es weiter. Die Stimmung in der Main-Arena hätte kaum besser sein können und erfasste trotz der langen Dienstzeiten auch die Polizei. Das Gefühl Teil einer großen einmaligen Geschichte zu sein erfüllte alle Beteiligten. Und: Die deutsche Polizei füllt nun Fotoalben in der ganzen Welt, teils auf heiterste Weise. Selbst die polizeiintensiven Studenteneinsätze, auf die alle gerne verzichtet hätten, konnten diesen Eindruck nur unwesentlich schmälern. Kämpfte man zu Beginn mit dem Gedanken: Wäre doch nur alles schon vorbei ! So ertappte man sich am Ende bei dem Wunsch: Nach etwas Abstand das Ganze noch mal, warum nicht?

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Spontaner Hinweis, Frankfurt, 21.Juni 2006

Für mich waren diese Spiele aber auch ein Test im Blick auf die eigene Grundausstattung, ich deutete es eben schon an. Die „Sorge“ hatte im Vorfeld doch reichlich viel zu melden und erst die Ereignisse selbst vermochten sie wieder in ihre Grenzen zu verweisen. Eine Begegnung auf der Alten Brücke an der Main-Arena wurde mir dabei zum Aha-Erlebnis. Das Spiel Argentinien- Holland stand an und die Stadt wurde eingehüllt in die Farbe Orange. Auch der Brickegickel, ein Frankfurter Wahrzeichen, wurde dabei nicht geschont und von den Fans als Hochsitz „missbraucht“. Alle Bitten um Schonung durch Dienst habende Beamte halfen immer nur kurze Zeit, die Aussicht von da oben war einfach zu reizvoll. Auch für mich.

Ich wollte meinem christlich geschulten Auge kaum trauen, als mir einer der Kletterfreunde mit einem riesigen Plastikdaumen plötzlich zum Glaubenszeugen wurde – fast wie der Täufer Johannes auf alten Altarbildern. Er zeigte nach oben – just auf das christlichste aller christlichen Zeichen über sich, den gekreuzigten Jesus von Nazareth. Das geschah sicher absichtslos, für mich, den Betrachter, aber keineswegs. Erinnerte es mich in dem ganzen Trubel doch noch einmal daran, worauf ich in all meinen WM-Sorgen und –Aktionen tunlichst auch noch zu setzen hatte.

„Sorgt nicht um euer Leben“ rät Jesus bei Matthäus seinen Jüngern und demonstriert an den Vögeln und den Lilien, dass sich Leben nicht allein der eigenen Vorsorge, Umtriebigkeit und Mühe verdankt. Leben ist allemal mehr als das, was wir daraus machen. Damit wird keiner verantwortungslosen Bequemlichkeit das Wort geredet, die die Dinge einfach laufen lässt. Keineswegs.

Es geht aber um die tiefere Einsicht, dass vieles einfach nicht in unserer Hand liegt, eben nicht machbar ist. Und: das uns dies nicht schrecken muss, wenn wir uns darauf verlassen können, dass in vieler und wesentlicher Hinsicht für uns gesorgt ist – von höherer Stelle sozusagen. Unser Sorgen soll in Gott seine Grenze haben und eben nicht selbst die Macht sein, die alles bestimmt und besetzt. Diese „letzte“ Sorglosigkeit dürfen wir uns nicht nehmen lassen, schon um unserer Handlungsfähigkeit willen nicht.

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´´Ich will den Kreuzstab gerne tragen.`` - Bernd Braun, Vorsitzender des Ev. Polizeibeirates, inmitten prominenter Gäste

Die letzten Strophen des Paul-Gerhardt-Liedes wollen gerade dies positiv verstärken:

O treuer Hüter, Brunnen aller Güter,

ach lass doch ferner über unser Leben

bei Tag und Nacht dein Huld und Güte schweben.

Lobet den Herren!

*

Gib, dass wir heute,

Herr, durch dein Geleite

auf unsern Wegen unverhindert gehen

und überall in deiner Gnade stehen.

Lobet den Herren!

Leitender Polizeipfarrer Wolfgang Hinz