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Predigt zu Psalm 15

Neujahrsempfang 2010

Psalm 15:

HERR, wer darf weilen in deinem Zelt?

Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge?

Wer untadelig lebt und tut, was recht ist,

und die Wahrheit redet von Herzen,

wer mit seiner Zunge nicht verleumdet, /

wer seinem Nächsten nichts Arges tut

und seinen Nachbarn nicht schmäht;

wer die Verworfenen für nichts achtet, /

aber ehrt die Gottesfürchtigen;

wer seinen Eid hält, auch wenn es ihm schadet; wer sein Geld nicht auf Zinsen gibt /

und nimmt nicht Geschenke wider den Unschuldigen.

Wer das tut, wird nimmermehr wanken.

Liebe Gemeinde!

möglicherweise erwarten Sie von diesem Gottesdienst, besonders von dieser Predigt, konkrete Sätze, Stellungnahmen, Handlungsanleitungen - geht es doch um einen besonderen Anlass: den Neujahrsempfang eines Pfarramtes, das einen Bereich zu betreuen hat, der wie kaum ein anderer in der Realität unserer Welt steht.

Was läge also von Situation und Text her näher, als über Ihre täglich Mühe, über Verbrechen, Ungerechtigkeit, Unwahrheit, Verleumdung zu sprechen, über Bestechung und Wirtschaftskri-minalität und all die Fragen, die sich im Alltag der Polizei ganz besonders prominent stellen?

Und diese Themen klingen im Psalm 15 ja auch deutlich an.

Der erste Vers dieses Psalms stellt eine Frage, die anderen Verse geben die Antwort: Man könnte es so umschreiben: Wer Gehorsam leistet, erreicht das Ziel.

Was läge also näher, als zu Beginn eines Jahres und viel mehr noch zum Beginn der Amtszeit eines neuen Beirates zum verstärkten Handeln aufzurufen in all jenen Situationen, in die wir so verschieden hinein gestellt sind?

Aber sind die Aufforderungen unseres Psalms hier und heute so ungebrochen zu verstehen?

Ganz sicher ist vom Tun auch zu reden, ohne Zweifel muss auch in diesem Jahr etwas getan werden.

Aber zuerst ist von den Voraussetzungen unseres Handelns zu sprechen, von den Bedingun-gen, den Grundlagen, dem Ausgangspunkt unseres Lebens überhaupt.

Niemand unter uns handelt ohne ganz bestimmte Voraussetzungen; die Frage ist nur, ob sie uns bewusst sind oder nicht und ob wir sie uns bewusst machen.

Jede und jeder trägt oder schleppt seine "Voraussetzungen" mit sich herum - seine Herkunft, seine Prägungen, sein Erbe, seine Erziehung, Familie, seine Fragen, Zweifel und Ängste.

Dies alles sind Voraussetzungen unseres Handelns, unserer Existenz, unseres Lebens; Fakten, Daten, von denen wir abhängig sind, ob wir es wollen oder nicht, und die uns bestimmen, eher mehr als weniger.

Je früher und je genauer wir uns dieses bewusst machen, desto besser. Je weniger wir davon "wissen", desto größer ist der Einfluss dieser Daten.

Zu Beginn eines neuen Jahres ist es also wichtig, daran zu erinnern.

Wir tun dies mit den Worten des 15. Psalms. Er wurde gesungen beim Eintritt in den Tempel Gottes in Jerusalem. Nach Jerusalem wallfahrende Pilger fragten den Priester nach den Bedin-gungen zum Eintritt in den Tempel. Und die Antwort zählt Sätze des alttestamentlichen Gottes-rechts auf, deren Befolgung die Teilnahme am Gottesdienst ermöglicht. Nach der Bekanntgabe dieser Bedingungen beginnt der Einzug.

Es fällt auf, dass Gottesdienst und Leben eng miteinander verbunden sind, dass das Gottes-recht zum Gottesdienst wesensmäßig dazugehört:

Der Gottesdienst beginnt mit der entscheidenden Frage nach dem Gehorsam der Teilnehmer.

Aber dabei bleibt es nicht. "Wer das tut, wird nimmermehr wanken" - so endet der Psalm.

Wer das Heiligtum aufsucht, tritt auf einen Grund, den die großen kosmischen Katastrophen nicht erschüttern können, der nicht wankt.

Die Verbindung mit Gott, dem ewigen Fels, wird verstanden als etwas, dass das Leben des Menschen trägt und bestimmt.

So ist der Zion, der Berg Gottes im Alten Testament eine letzte und unauslöschliche Wirklich-keit, alle irdischen Lebensverhältnisse überragt.

Für den Psalmbeter ist es selbstverständlich, dass es Zelt und heiligen Berg Gott gibt und dass sie menschlichem Handeln vorausgesetzt sind.

Wir, liebe Gemeinde, lesen diesen Psalm heute als Menschen, denen Jesus Christus das Kommen des Reiches Gottes verkündigt und verheißen hat: das Kommen des Reiches Gottes als der Kraft, die unser Handeln qualifiziert; die es bestimmt und richtet. Und wir verstehen die Hinweise vom bleibenden Felsen, vom Zelt, vom heiligen Berg Zion als Zeichen und Bilder für die Wirklichkeit Gottes, die unser Leben bestimmen und lenken will.

Diese Zeichen deuten an, was Jesus mit dem Reich Gottes verkündigt: die neue Stadt, das himmlische Jerusalem, den Berg Zion, die goldenen Gassen, den neuen Himmel, die neue Erde - sie alle zeigen nicht eine nie da gewesene Vergangenheit, sondern sie sind Signale für Hoff-nung und Verheißung; sie bezeichnen die Voraussetzung unseres menschlichen Handelns und den Grund unseres Lebens überhaupt.

Liebe Gemeinde, dass wir überhaupt menschlich leben und handeln können, hängt an dieser Verheißung des Reiches Gottes.

Wie aber sollen wir handeln im Lichte dieser Verheißungen?

Geradezu unverblümt werden im Psalm handfeste Anhaltspunkte aufgezählt.

- Untadelig wandeln,

- Gerechtigkeit lieben,

- Wahrheit reden.

Wir hören konkrete Beispiele, die uns überraschend vertraut klingen:

- Nicht verleumden,

- seinem Nächsten nichts Böses antun,

- jene ehren, die Gott fürchten,

- keine Meineide schwören,

- keinen Wucher treiben,

- Bestechung nicht annehmen...

Es ist erstaunlich, wie konkret hier geredet wird. Da wird nicht verschleiert, erklärt, entschuldigt, verbrämt, sondern beim Namen genannt. Das Leben in dieser Gemeinschaft ist geprägt von der Mühe um die Gemeinschaft, in die der Einzelne verflochten ist. Das Leben der Menschen mit-einander in seinen vielfältigen Verästelungen wird angesprochen.

Dies gilt erst recht, wenn wir mit einbeziehen, was Jesus vom kommenden Reich Gottes gepre-digt hat. Das Handeln im Lichte des kommenden Reiches Gottes umfasst das ganze Leben der Menschen - in seinen politischen und wirtschaftlichen Bereichen und im Blick auf Rechtsfragen.

Es beauftragt jene, die es durch sein Kommen bestimmt, ihre Verantwortung gerade in den Be-reichen wahrzunehmen, die für das Leben der Menschen entscheidend sind. Es ist unmittelbar einleuchtend: wo das Kommen des Reiches uns verheißen ist und nicht von uns geleistet wer-den muss, da haben wir den Rücken frei, dafür zu arbeiten, dass Menschen menschlicher leben können.

Was dies alles heißt und wie solches Handeln aussehen kann, hat uns Jesus Christus gezeigt, der das Reich Gottes verkündigte und in dieser Verheißung lebte und starb.

Wir wissen: Dieses Leben ist nicht übertragbar, jedenfalls nicht ohne weiteres.

Wir können dem, was Jesus verkündigt und gelebt hat, nur gerecht werden, wenn wir einerseits seine Einmaligkeit respektieren; sein Eintreten für Leidende, Hungernde, Arme, Elende, Ausge-stoßene, seine Botschaft für Kranke, Einsame, Unterdrückte, Sterbende.

Aber andererseits müssen wir genau und sorgfältig darauf achten, wie es um uns her aus-schaut. Es gilt, sich zu informieren über jene Mechanismen, Zwänge und Widersprüche, die den heutigen Zustand der Friedlosigkeit in unserer Welt schaffen und aufrechterhalten. Wir dürfen uns eben nicht damit begnügen, nur das jeweils für den Augenblick nötig und richtig Erschei-nende tun zu wollen, weil eben nur dies möglich sei.

Dabei kann sich unser Handeln auf die Anhaltspunkte beziehen, die Jesus von der kommenden Welt her gibt. Von diesem Reich heißt es: dort wird es keine Tränen mehr geben, kein Leid, kein Geschrei. Es wird ein neuer Himmel sein und eine neue Erde, ohne Tod und ohne Schmerz. Oder, wie es der Prophet Micha ausdrückt: "Vom Berg Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden leh-ren in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Zu derselben Zeit werden die Lahmen gesammelt und die Verstoßenen zusammengebracht werden."

Mächtige Bilder sind das; Anregungen, Hinweise, Anhaltspunkte! Dieses verheißene Reich ist die Voraussetzung unseres Handelns, und es bestimmt unser Handeln, unser praktisches Le-ben in einer unvollkommenen Welt.

Eine schale Utopie wäre das ohne die konkrete Verheißung, die auch in unserem Psalm aus dem Alten Testament ausgesprochen wird.

"Wer das tut, wird nimmermehr wanken." Jener Psalmenbeter hätte diesen Satz nicht sagen können, stünde er nicht - bildlich gesprochen - auf einem Felsen und nicht auf schwankendem Grund und Boden.

Eben weil er auf dem festen Boden des Felsens Zions steht, wird er nicht wanken.

Und wir, heute? Angesichts unserer Welt liegen doch andere Reaktionen näher: Wer sieht, dass trotz aller Mühe und Anstrengung nichts besser zu werden scheint, eher schlimmer, der wird entweder resignieren oder in Aktionismus verfallen, der das Handeln wieder beliebig er-scheinen lässt.

Beides erfahren und beobachten wir immer wieder. Wenn Menschen sich resignierend zurück-ziehen, sollten wir dies nicht unterschätzen und herunterspielen; es ist weit gekommen, wenn Menschen nicht mehr mitmachen können, weil sie den Mut und die Hoffnung verloren haben.

Oder: Weil alles zu langsam geht, muss alles beschleunigt werden, egal mit welchen Mitteln.

Doch wie beidem entgehen, ohne dabei das Handeln im Sinne der Verheißung des Reiches Gottes außer acht zu lassen?

Liebe Gemeinde, wenn uns das Reich Gottes verheißen ist, dann ist es nicht unsere Aufgabe, dieses Reich selber herzustellen.

Wir sind nicht das Zelt, der Berg, die Stadt.

Wenn unser Handeln unter dieser Voraussetzung geschieht, dann hat es Verheißung, Zukunft, Hoffnung.

Und dies gerade nicht, weil wir die Widersprüche und Spannungen unserer Welt kunstvoll ver-schleiern und Bestehendes nur bestätigen, sondern deswegen, weil wir sie im Sinne Jesu Christi bewusst machen, abbauen und verändern.

Die Verheißung gilt diesem Handeln, weil es von Gott angenommenes Handeln ist - es ent-spricht dem Kommenden, dem Reich, dem Handeln Jesu Christi, des Gerechten, um dessent-willen wir ewig nicht wanken werden.

Das heißt konkret: auch im Jahr 2010 und in der Amtsperiode des Polizeibeirates nicht.

"In der Nachfolge Jesu Christi in der Welt von heute wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben - in Glück und Unglück, Leben und Tod gehalten von Gott und hilfreich den Men-schen", so sagt es ein Theologe unserer Zeit.

Lassen Sie uns unter dieser Verheißung miteinander aufbrechen!

Und der Friede Gottes ...

Amen.

Oberkirchenrat Christof Schuster