Home Polizeipfarramt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Archiv: Texte

Grußwort des Kirchenpräsidenten

Neujahrsempfang in Diez

Nach der Ansprache - Staatssekretärin Oda Scheibelhuber, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung, Staatsminister Karl Peter Bruch Foto: R.Töpelmann
Nach der Ansprache - Staatssekretärin Oda Scheibelhuber, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung, Staatsminister Karl Peter Bruch Foto: R.Töpelmann

Sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Lammert,

sehr geehrter Herr Staatsminister Bruch,

sehr geehrte Frau Staatssekretärin Scheibelhuber,

sehr geehrter Herr Oberstarzt Dr. Wetzel,

verehrte Gäste aus Polizei, Politik, Bundeswehr und Kirche,

sehr geehrte Damen und Herren,

das neue Jahr geht nun schon in die vierte Woche, aber noch immer liegt etwas von "Anfang" in der Luft, von Neubeginn. Hessen hat gewählt, die Verhandlungen über eine neue Regierung sind in vollem Gange. Die USA haben mit Barack Obama einen neuen Präsidenten, der große Erwartungen geweckt hat - und nun vor der schwierigen Aufgabe steht, diese nun einzulösen.

Und auch für mich tut sich in diesen Tagen viel Neues auf. Seit Jahresbeginn bin ich Kirchenpräsident unserer Evangelische Kirche in Hessen und Nassau. Dabei nehme ich neu die Vielfalt wahr, in und mit der die Evangelische Kirche ihren Auftrag wahrnimmt. Hierzu gehört auch die Polizeiseelsorge.

Die Zusammenarbeit mit der Polizei und die Begleitung der Polizei bildet ein wichtiges Anliegen meiner Kirche seit ihrer Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Schon Martin Niemöller, unser erster Kirchenpräsident, hat sich nachdrücklich für die Begleitung von Polizeikräften eingesetzt. Bemerkenswert ist dies vielleicht auch deshalb, weil er gleichzeitig die Wiederbewaffnung Deutschlands bekanntermaßen äußerst kritisch sah. Er war der Ansicht, dass der Dienst der Polizei für die innere Sicherheit und Ordnung einer Gesellschaft - angesichts der besonderen äußeren und inneren Belastungen und Gefährdungen - eine besondere kirchliche Unterstützung durch Seelsorge, Ethikunterricht und Einsatzbegleitung verdient.

Dabei hatte er - wie auch wir heute - sowohl die einzelnen Polizeibeamten im Blick - als auch die kompetente und verantwortliche Wahrnehmung des Auftrags als solche.

Der Begriff Polizeiseelsorge bringt die Mehrschichtigkeit dieses Auftrags leider nur bedingt zum Ausdruck.

In den ersten Jahrzehnten wurde die Aufgabe der Polizeiseelsorge vor allem durch Pfarrer mit Zusatzauftrag wahrgenommen. Im Laufe der Zeit zeigte sich aber, dass Polizeiseelsorge im Nebenamt ihre Grenzen hat.

Nicht zuletzt die heftigen und langwierigen Auseinandersetzungen um die Startbahn West bewogen meine Kirche, für die Arbeit mit der Polizei in Hessen und Rheinland-Pfalz einzelne Pfarrer mit ganzem Dienstauftrag einzusetzen.

Der Frankfurter Flughafen und die Konflikte im Zusammenhang der Frage eines weiteren Ausbaus werden uns alle in der Region in diesem Jahr auch beschäftigen.

Meine Kirche hat sich im Vorfeld und an vielen Stellen um Vermittlung bemüht. Sie hat nicht nur innerkirchlich eine Gesprächsplattform geschaffen, sondern hat sich auch ganz unmittelbar als Mitglied des Regionalen Dialogforums am Mediationsverfahren beteiligt. Wir haben uns als Kirchenleitung wie als Kirchensynode immer zum Mediationsergebnis in seiner Ganzheit bekannt. Dieses beinhaltet, dass der Ausbau unter anderem mit einem Nachtflugverbot verbunden ist. Das hat auch der VGH Kassel in seiner Entscheidung bestätigt.

Ihnen ist von Amts wegen - neben anderem - auch die Aufgabe gestellt, dafür Sorge zu tragen, dass die Bauarbeiten durchgeführt werden können. Dass mit der Rodung von Wäldern zu einem Zeitpunkt begonnen worden ist, ist nach geltendem Recht nicht zu beanstanden. Wir hätten uns allerdings gewünscht, dass der Ausgang der Hauptverfahren noch abgewartet würde. Noch mehr wünschen wir uns und haben dies auf öffentlich gesagt, dass die kommenden Wochen und Monate friedlich und ohne Schäden für Leib und Leben der Beteiligten vergehen werden. Die Situation ist nicht einfach.

Ich wünsche allen Polizeibediensteten - in dieser Großlage, aber auch in den täglichen Pflichten - die nötige Standfestigkeit, Augenmaß und Gelassenheit. Mögen sie nach jedem Einsatz gesund nach Hause zurückkehren. Sie stehen dabei für den Rechtsstaat ein - ein hohes und unverzichtbares Gut für unsere Gesellschaft. Es ist auch eine ehrenvolle und wichtige Aufgabe, für diese Rechtsordnung einzustehen und sie ggf. zu verteidigen. Die Polizeiseelsorge wird Sie auch am Flughafen begleiten, wie ich höre, ökumenisch verstärkt, mit eigenem Raum vor Ort und besonderen Angeboten. Was wir kirchlicherseits zu seiner Ausgestaltung noch beitragen können, werden wir nach unseren Möglichkeiten tun.

Dass wir uns hier nicht in kirchlichen Räumen befinden, haben Sie alle bemerkt. Denn wir als einladende Kirche zu diesem Empfang sind heute hier selber zu Gast im Schloss Oranienstein. Dieses Schloss - ein Bundeswehrstandort von ganz eigenem Charme - bietet einen wahrhaft festlichen Rahmen für den heutigen Empfang.

Ich möchte deshalb bei dieser Gelegenheit nicht nur für das Entgegenkommen, diese schönen Räumlichkeiten hier nutzen zu dürfen, danken, sondern mich auch an die hier stationierten Soldaten und Mediziner des Sanitätskommandos II wenden.

Auch Ihr Dienst hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Die Bereitschaft Deutschlands, sich an internationalen Missionen zu beteiligen, betrifft vor allem Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen in der Bundeswehr. Mit vielen von Ihnen - auch aus dem Wehrbereichskommando II in Mainz - sind wir in engem und intensivem Gespräch über die Erfahrungen in den Einsätzen und die Rolle der Bundeswehr in unserer Gesellschaft vor dem Hintergrund der veränderten Rahmenbedingungen. Dabei haben wir immer wieder ein sehr differenziertes Bild vermittelt bekommen von den Prozessen in der Bundeswehr und den Veränderungen, die hier anstehen, aber auch von den - oft unerfüllt bleibenden - Erwartungen der Bundeswehr an die Politik. Die grundsätzliche, auch verfassungsrechtliche Klärung der Frage von Auslandseinsätzen ist hier nur einer unter mehreren Punkten.

Ihr Auftrag und die Gefahren, denen Sie dabei ausgesetzt sind, bewegen uns alle. Der blutige Anschlag in Kabul vor der deutschen Botschaft hat uns dessen Gefahrenpotenzial erneut vor Augen geführt.

Wieder hat es vor allem Zivilisten getroffen, aber wir wissen, dass es in den vergangenen Jahren mehrfach anders kam und jederzeit anders kommen kann. Ihrer Einsatzbereitschaft zolle ich Respekt und kann nur hoffen und wünschen, dass Ihr Dienst und politische Verhandlungen in absehbarer Zeit das bewirken, was sie intendieren: befriedete Verhältnisse im Kosovo und in Afghanistan. Ein besseres Leben für die Menschen dort. Und eine sicherere Welt.

Auch auf Seiten der Polizei sind in diesen Ländern Kräfte aus Deutschland im Einsatz. Angehörige der Bundes- und Länderpolizeien bilden dort Einheimische aus und beteiligen sich an praktischen Polizeimaßnahmen vor Ort. Die Kooperation mit den militärischen Kräften spielt dabei eine wichtige Rolle. Auch für die Polizeiseelsorge sind damit neue Herauforderungen und zusätzliche Dimensionen des Arbeitsbereichs verbunden: neben der Begleitung Betroffener im Vorfeld und vor Ort hat sie die Familien und die Angehörigen im Blick, die zurück bleiben. Seminare und Freizeiten gelten ihrer besonderen Lage und ihrer Vernetzung untereinander. Der Begleitung nach Einsätzen mit z.T. traumatisierenden Erfahrungen kommt eine zunehmend größere Bedeutung zu, denn Dauerstress; Erlebnisse und Ängste hinterlassen Spuren in der Seele. Das betrifft nicht nur die, die unmittelbar im Einsatz waren, sondern mittelbar auch deren Angehörige, Freunde und Familien.

So haben wir alle zu Beginn dieses Jahres vieles vor Augen, was uns fordert, verwirrt und vielleicht auch ängstigt. Wir merken sehr deutlich, dass wir in allem, was wir tun, auch immer wieder an Grenzen stoßen.

Manchmal merken wir, dass wir - auch bei guter Absicht und gutem Willen - nicht das erreichen, was wir gerne erreichen möchten. Die Jahreslosung für dieses Jahr ermutigt, dass wir uns gerade mit unseren Grenzen, mit unseren Fragen und Zweifeln, auch mit unserer Schuld Gott anvertrauen. Und zwar mit der Zuversicht, dass er es zum Guten wendet. Die Jahreslosung heißt: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.

So wünsche ich uns allen, heute aber insbesondere Ihnen in Ihrem Dienst in der Polizei und der Bundeswehr, dass Sie erfahren, wie Gott Sie im neuen Jahr mit seiner Güte trägt und seinem Segen begleitet.

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung - 23.Januar 2009, SchlossOranienstein, Diez/Nassau