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...keine bleibende Stadt

Predigt zur Jahreslosung 2013

anläßlich des Neujahrsempfangs des Polizeipfarramtes

am 16.1.2013 in der Katharinenkirche in Oppenheim

"Wir haben hier keine bleibende Stadt,

sondern die zukünftige suchen wir." Hebräer 13,14

Wie ist es Ihnen ergangen beim Weltuntergang neulich: Haben Sie ihn gut überstanden? Sie haben gar nichts gemerkt? Naja, war ja auch recht ruhig geblieben so insgesamt! War es eine Ente, eine falsche Vorhersage wie der angekündigte Schnee an Weihnachten? Weltuntergang - einfach ausgefallen? Irrtum der Auguren! Schade nur für die Weltuntergangsparty in Mexiko, hätte so schön schaurig werden können - und dann einfach nix! Und alle sind wieder heimgegangen!

Interessant ist das schon: Aufgdklärte Zeiten, alles berechenbar, nichts ist mehr heilig. Mythen sind von gestern; heute zählen nur noch Fakten. Doch wenn die uralten Mayas dunkel-dumpf raunen, dann sprießen Spekulationen und wuchern wilde Phantasien. Lustvoll malen Untergangspropheten wüste Katastrophenszenarien, wenn mit einem großen Crash Städte, Landschaften, der Globus gar gesmascht wird, zu Asche zermalmt, in Flammen zerstört, tosend begleitet vom fetten Hollywood-Streichersound und klotzigem Tuba-Gebläse aus dem Mozartrequiem. Weltuntergang als Event: Erst rieselt es eiskalt den Rücken runter - dann wird wieder geschafft!

Aber nicht nur Grusel-Lust verdankt Maya-Kataststrophen-Prophetie ihren Hype. Hinter Smash-Phantasien lauert natürlich die Ahnung, ja die Angst, wie schnell, wie plötzlich alles vorbei sein kann. Polizisten muss das keiner erklären! Wie schnell ist ein Leben zu Ende; wie gar plötzlich bricht eine Zukunft zusammen, wie unvermittelt schlittert man in eine Katastrophe. Jeder mit einigermaßen Lebenserfahrung weiß, dass nichts beständig ist: Beziehungen gehen in die Brüche, die zukunftsfroh begannen; Karrieren brechen ab, verlaufen im Sand; Pläne werden zunichte, zerrinnen wie Wasser in der Hand.

Wohlgemerkt, damit wir uns nicht mißverstehen: Vieles, das meiste gar, geht ja eigentlich gut, hat Bestand, feiert seine Erfolge, lohnt die Mühe, zahlt doppelt und dreifach sich aus. Realisten sind keine Schwarzseher, Miesmacher, Spaßverderber. Nein, Realisten sind einfach nur Realisten: sie sehen das Schöne, Gelingende, Staunenswerte; sie loben die Erfolgreichen, beklatschen die Sieger, bestaunen die Wagemutigen, und genießen im Stillen oder voller Stolz alles aus eigener Kraft Erreichte.

Realisten wissen aber auch: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Jeder Garten, der nicht gepflegt wird, verwildert; jedes Haus, das nicht renoviert wird, zerfällt; jede Gesundheit kommt mit dem Alter ins Stottern, jede Karriere endet mit der Pensionierung, jede Beziehung mit dem Tod eines Partners.

Wir haben hier offensichtlich keine bleibende Stadt.

Wohlgemerkt: Ich will beileibe nicht deprimierten Pessimisten das Wort reden, antriebslosen Fatalisten, schwermütigen Grabrednern. Nein, vielmehr ist es ein Gebot der Klugheit, die Dinge so zu sehen wie sie sind: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt.

Ich möchte Sie einladen, nach dem Gottesdienst einen kurzen Stopp einzulegen am Beinhaus hinter der Kirche. Beinhäuser sind selten geworden in Europa. In Oppenheim finden Sie noch eines der wenigen erhaltenen Beispiele! Natürlich der Raumnot auf engen Friedhöfen geschuldet, pflegte man vielerorts die Sitte, einige Jahre nach der Beisetzung die Knochen aus den Gräbern zu holen und sie in einem Nebengebäude pietätvoll aufzuschichten: Armknochen zu Armknochen, Oberschenkel zu Oberschenkel, Schädel zu Schädel: Nicht nach Personen sortiert, sondern nur noch nach Funktion. Doch nicht nur praktischen Erfordernissen dienten die Beinhäuser, sind sie doch machtvolle Mahnmale der Macht des Todes, dem nichts und niemand entrinnen kann.

Wir haben hier tatsächlich keine bleibende Stadt.

Es bleiben nur noch Knochen! Aber denken Sie nicht, bis dahin bleibt ja noch ein bißchen Zeit! Alles wird brüchig, schon jetzt - auch das beste Material; jeder setzt Moos an, auch die dynamischsten Tatmenschen; alles wird grau und alltäglich, auch die liebsten Gewohnheiten. Alles braucht von Zeit zu Zeit eine Energiespritze, Erholung, Entspannung, Kur. Abhängen, auftanken, nachladen: Seele baumeln lassen, durchstarten, wieder auf die Beine kommen - bis zur nächsten Durststrecke. Jeder, der durchpowert, muss auch mal innehalten und Luft holen. Und auf gehts, auf ein nächstes, bis zum nächsten Boxenstop. Nur dass die Erholungsphasen sich häufen und länger werden.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir!

Nun könnte ich natürlich platt sagen: Die zukünftige Stadt - damit ist ja wohl der Himmel, das Jenseits gemeint. So jedenfalls dürfte es der Hebräerbrief sehen, dem das diesjährige Jahresmotto entnommen ist: Das Jenseits - Fluchtpunkt aller religiösen Menschen. Allerdings: Bis zu diesem Jenseits dauert es mir zu lange - ist zu weit weg und (ehrlich gestanden) auch zu weltfremd.

Wir leben erst mal hier! Und sind doch ständig auf die Zukunft ausgerichtet. Sind unzufrieden mit dem Erreichten, wollen mehr - neues Bad, neue Rekorde, neue Klamotten, neuen Lebenspartner? Sind neugierig, streben nach unbekannten Ufern; fühlen uns eingesperrt, ringen um Freiheit; sind wagemutig, sehnen uns nach Abenteuern. Auf in die Zukunft!

Unser Streben nach schneller, weiter, höher, nach effektiver, flexibler, dynamischer: All unser Fortschrittsoptimismus - Stillstand ist Niedergang, Rezession ist Untergang, ohne Wachstum kein Wohlstand - all unser Fortschrittsoptimismus speist sich aus der Quelle des biblischen Geschichtsbildes. Das Jenseits ist eigentlich erst mal nichts für religiöse Feinschmecker, sondern vor allem Hausmannskost jedes Fortschrittsoptimisten.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir!?

Allerdings ist noch keiner in der Zukunft wirklich angelangt. Kaum ist sie da, die Zukunft - schon ist sie wieder weg. Die Zukunft nutzt sich ab wie Winterreifen: Gestern noch teuer gekauft, morgen schon wieder für viel Geld entsorgt. Es gibt nichts Älteres als das Handy, das gestern noch alle Schaufenster füllte, nichts langweiligeres als die Sonderangebote vom Aldi aus der letzten Woche. Das Leben nur ein Durchlaufposten bis irgendwann mal Schluß ist - Deckel zu und Erde drauf?

Wir haben hier keine bleibende Stadt - die zukünftige suchen wir!

Der Apostel mahnt, uns nicht abspeisen zu lassen mit dem bißchen Fortschritt, auf den wir so stolz sind: Wenn schon Zukunft, dann richtig! Zukunft sollte ein bißchen bleibender sein, ein bißchen beständiger, ein bißchen was für immer! Wonach wir uns mühsam ausstrecken, darf nicht wieder verweht werden von jedem Windhauch des Fortschritts.

Auf so eine Zukunft aber müssen wir nicht warten bis zum Jenseits, wenn aller Tage Abend ist und der Hammer fällt! Die Zukunft, die bleibt - sie hat schon begonnen: Wenn nämlich die Siegertreppchen weggerollt werden, wenn die Renditeversprechen der Banken uns nur noch zum Lachen bringen, wenn wir Moden und Trends mal vorüberziehen lassen.

Die Zukunft, die bleibt, sie beginnt genau dann, wenn wir anfangen, etwas um seiner selbst willen zu erstreben! Wenn wir Karriere machen, nicht um mit aller Macht nach oben vorzustoßen, sondern um mehr Verantwortung zu übernehmen; wenn wir entspannen, nicht um uns fit zu machen für den nächsten Kampf, sondern um uns selbst zu genießen.

Die bleibende Stadt, die endgültige Zukunft beginnt, wenn wir den Mut haben zu lieben: Unsere Kinder lieben, nicht um mit ihnen zu prahlen, sondern weil sie wunderbar sind; unsere Arbeit lieben, nicht nur um Geld zu verdienen, sondern weil wir mit unseren Gaben anderen dienen wollen; unser Land lieben, nicht um stolz und prahlerisch uns über unsere Nachbarn zu erheben, sondern weil es unsere schöne Heimat ist.

Die endgültige Zukunft beginnt, wenn wir den Mut haben zu lieben: Unseren Partner lieben, nicht weil wir ihn brauchen, zum Kochen, Putzen, Bügeln, zum Autowaschen und Steuererklärung machen; nicht weil wir ihn brauchen, um uns die Langeweile zu vertreiben oder weil wir die Leere fürchten, sondern weil wir mit ihm unser Lebensglück genießen; uns selbst lieben, nicht um selbstverliebt uns zu spreizen wie ein Pfau, sondern weil wir uns geliebt wissen.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!?

Und wir finden sie in der Liebe, die bleibt. Gott ist die Liebe, und wer in Gott bleibt und er in uns, der hat sein Ziel erreicht. Dieses Ziel, das bleibt - wir werden es erreichen, dereinst mit Leib und Seele, wenn Gott uns zu sich geholt hat. Dieses Ziel, das bleibt - wir haben es schon erreicht ? Heute, wenn wir einander lieben, wie Gott jeden von uns liebt. Wie sollten wir da zurückstehen! Dieses Ziel, das bleibt - wir haben es schon erreicht: Heute, wenn wir uns selbst zu lieben lernen, so wie Gott uns liebt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Dr. Martin Schulz-Rauch