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Infostand der Polizeiseelsorge

Ök.Kirchentag München 2010

Am Infostand Foto: Sebastian
Am Infostand Foto: Sebastian

Der Stand versucht das Motto des Kirchentages "Damit wir Hoffnung haben" im Kontext der Arbeit der Polizei einerseits und der Polizeiseelsorge andererseits zu bedenken.

1. Nur in geordneten Verhältnissen ist sinnvolles Leben möglich. Chaotische Verhältnisse machen krank, zersetzen und zerstören und führen letztlich zum Tode.

Die Schöpfung Gottes, wie sie das erste Kapitel der Genesis beschreibt, besteht in diesem Sinne darin, in das ursprünglich herrschende chaotisch-unstrukturierte Tohuwabohu Ordnung zu bringen.

Dies geschieht durch zweierlei Maßnahmen Gottes: (a) Durch Abtrennung und Eingrenzung werden die zerstörerischen Urgewalten in ihrer Gefährlichkeit gebändigt. (b) Durch die Namensgebung wird jedem Wesen eine Benennung und damit sein ordnungsgemäßer Platz im Gesamtsystem des Kosmos zugewiesen.

Mitten im Chaos, das unser Dasein in seiner Existenz zu zersetzen droht, schafft Gott Heilung und Hoffnung auf eine offene Zukunft, indem er jene Mächte, die die lebensschaffende Ordnung zu zersetzen drohen, bannt und in einen Rahmen zwingt.

2. Unübersichtliche, gefahrenträchtige Bedrohungslagen in ihrer zerstörerischen Wirkung für direkt und mittelbar Beteiligte durch ordnendes Eingreifen zu begrenzen und einer Lösung zuzuführen, ist eine Grundfunktion polizeilicher Tätigkeit. Sie läßt sich also in weiten Teilen als Chaosmanagement begreifen.

Dies geschieht analog (a) durch Abgrenzung des bedrohlichen, chaosträchtigen "Un-Falls" aus der Welt des "Normal-Falls" mittels Absperrung und (b) durch eine angemessene Sachbearbeitung, die den Dingen der rechte Namen zuweist: Körperverletzung ist und bleibt Körperverletzung und Sachbeschädigung ist und bleibt Sachbeschädigung ? unbeschadet beschönigender oder rechtfertigender Beschreibung. So gesehen ist der Dienst des Polizeibeamten ein Werk der Hoffnung, wie es Christus jedem Christen aufgetragen hat.

In ähnlicher Weise versucht Seelsorge im Gespräch (a) unheilvolle Erfahrungen in ihren gefahrbringenden Auswirkungen einzugrenzen und (b) verworrene Lebensgeschichten zu ordnen. Nur so kann bedrohtes Leben bewahrt, Selbstheilungskräfte mobilisiert und neue hoffnungsvolle Perspektiven eröffnet werden.

3. Das Aktionsfeld auf dem Stand der Polizeiseelsorge beim KiTa München 2010 versucht, diese Zusammenhänge in einem Erlebnisparcour erfahrbar zu machen. Interessierte sollen über die Arbeit der Polizeiseelsorge als Beispiel berufsbegleitender Seelsorge informiert werden. Dies geschieht auf dem Hintergrund der Beschreibung exemplarischer Grundfunktionen polizeilicher Tätigkeit. Außerdem sollen sie im Gespräch ermutigt werden, eigene Hoffnungsperspektiven auch in schwierigen Lebenssituationen zu entdecken.

4. Der Stand ist in drei Erlebnisfelder aufgegliedert, die jeweils ungefähr ein Drittel der Gesamtfläche des Standes umfassen.

(a) Im ersten Erlebnisfeld, das Aufmerksamkeit wecken soll, steht eine große, die Sicht auf den rückwärtigen Teil weitgehend verdeckende Wand. Auf ihr ist eine "heile Welt" zu sehen, wie sie eine mit ihren Kindern den Campingurlaub im Grünen genießende Familie erlebt. In diese Wand ist ein grobes, zerfasertes Loch eingebrannt, durch das hindurchzublicken der Schein von flackerndem Blaulicht, das hinter der Wand blinkt, einlädt. Beim Durchsehen sieht man ein durch einen Unfall völlig zerstörtes Autowrack und Unfallszenen an den Wänden. Die heile Welt zerbricht, der Normal-"Fall" wird durch den Un-"Fall", den nicht vorgesehenen "Fall", wie durch ein brutales "Loch in der Wirklichkeit" zerstört.

(b) Der zweite Teil dient der "Suche nach Spuren der Hoffnung", wenn das Chaos mit Gewalt in eine geregelte Welt eingebrochen ist und diese in ihrer Zukunft bedroht. Zu diesem Zweck werden Interessierte durch zwei uniformierte Beamte eingeladen, einen mit schwarzen Tüchern ausgeschlagenen Gang mit fluoreszierenden Fußspuren am Boden zu betreten, der sich alsbald in eine kleine Kammer weitet. Hier werden mittels Beamer typische polizeiliche Maßnahmen projiziert, mit denen man des Unfalls Herr zu werden versucht (z.B. Absperrung, Brandlöschung, Erste Hilfe, Spurensicherung, Vernehmung, Todesnachrichten, Obduktion).

Obgleich keine dieser Maßnahmen das Geschehen rückgängig machen oder gar Tote wieder ins Leben zurückrufen können, haben sie alle eine heilvolle, hoffnungsstiftende Funktion. Sie versuchen, eine Ausbreitung der Gefahr zu verhindern, Unschuldige zu schützen, Wiederholung zu vermeiden, Schuldige zur Verantwortung zu ziehen, aber auch durch einfühlsame Todesnachrichtenübermittlung zu helfen, dem Verlust zu begegnen und das Leben ohne den verlorenen Menschen weiterzuführen..

Auf einem der gezeigten Bilder wird die Arbeit der Polizeiseelsorge thematisiert, die Polizisten unterstützt, in all ihren persönlichen Belastungen diese entlastende Arbeit tun zu können, ohne selbst auf Dauer Schaden an Leib und Seele zu nehmen.

(c) Im dritten Erlebnisfeld, das als "Begegnungsecke" mit Sitzgelegenheit und kleiner Bewirtung gestaltet ist, können Besucher, die den "Spurensuche"-Tunnel verlassen, durch Polizeibeamte und Seelsorge eingeladen werden, eigene Spuren der Hoffnung zu suchen und darüber nachzudenken, was sie persönlich brauchen und sich wünschen, wenn das Leben aus den Fugen gerät und eine heile Welt zerreißt. Ihre Gedanken können sie auf Moderationskarten notieren und diese Kärtchen an zwei im Eingangsbereich platzierten "Pappkameraden" in Form eines Schutzmannes anheften.

Die Arbeitsformen der Polizeiseelsorge in ihren wichtigsten Tätigkeitsfeldern stellen Tafeln vor, die an die Wände der Begegnungsecke angebracht sind. Flyer und Info-Material stehen für Interessierte bei Bedarf zur Verfügung.

Die detaillierte Form der Realisierung dieses Konzeptes hängt von technischen Rahmenbedingungen ab, wie sie sich endgültig beim Aufbau des Standes ergeben.

Martin Schulz-Rauch