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Respekt meint Rücksicht

Predigt zur Vereidigung am 11.6.2017 in Rüsselsheim

Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel und ihr kath. Kollege Joachim Michalik auf dem Weg zum Altar im Stadion Rüsselsheim während des Hessentags (s.o. im Spiegel) Foto: W.Hinz
Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel und ihr kath. Kollege Joachim Michalik auf dem Weg zum Altar im Stadion Rüsselsheim während des Hessentags (s.o. im Spiegel) Foto: W.Hinz

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort.

Liebe zu Vereidigende, liebe Gemeinde!

Heute ist ein besonderer Tag für besondere Menschen: Junge Leute, die sich entschieden haben und ausgewählt wurden, Polizist oder Polizistin zu sein. Eine hohe Motivation, die Bereitschaft sich mit Leib und Seele in die Gesellschaft zum Schutz von uns allen einzubringen, schlägt sich in dem von Ihnen später abzulegenden Eid nieder. Dafür sind wir Ihnen dankbar! Die Eltern und Liebsten sehen diese Berufswahl möglicherweise mit geteiltem Herzen: mit Stolz und Sorge zugleich. Das, was gemeinsam bewegt, bringen wir hier vor Gott - auf einem friedlichen Fest der Bürgerschaft mitten in einer aufgeriebenen Welt.

Passend zur Kampagne Hessen-lebt-Respekt haben Sie in diesem Jahrgang das Motto: "Für ein respektvolles Miteinander" gewählt. Dafür werben Sie. Damit nehmen Sie in Blick, was gefährdet ist: Die Achtung voreinander. Respekt erwarten Sie außerhalb und innerhalb der Polizei. Dafür wollen Sie einstehen, uns heute gemeinsam daran erinnern.

Der Respekt vor der Polizei, aber auch vor anderen, die sich hilfreich einsetzen, ist geschwunden. Sie wollen dem entgegen wirken. Für ein respektvolles Miteinander wollen Sie sorgen: für diese Überzeugung bei der Verrichtung ihrer Arbeit zur Gefahrenabwehr und Strafverfolgung wollen Sie Tag und Nacht bereitstehen. Da werden Sie auch mal zurück stehen müssen, bisweilen widerstehen.

Wir alle hier wissen das zu schätzen und sehen auf Sie wie es ein Kirchentagsbesucher in Berlin neulich deutlich zum Ausdruck brachte: "Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Polizei, denn ich denke es ist sehr schwierig, vor allem weil ihr z. T. so viel Hass entgegen gebracht wird. Ich finde die Arbeit sehr wichtig! Danke!"

Ich möchte dies unterstreichen! Nachher stehen die jungen Anwärter und Anwärterinnen hier auf dem Rasen und zeigen ihren Respekt gegenüber der Verfassung und ihre Bereitschaft sich für sie einzusetzen. Wir machen das jetzt umgekehrt: Alle diejenigen, die nicht bei der Polizei arbeiten bitte ich jetzt mal aufzustehen. Wir grüßen die Sitzenden nun freundlich, verbeugen uns leicht und bedanken uns für Ihre Arbeit.

Respekt meint Rücksicht. Nehmen wir das Wort wörtlich: re-spectare, schauen wir zurück und erinnern uns an das, was uns wichtig ist: Die Achtung der Würde und Wertschätzung des Individuums. Vom Himmel gefallen ist beides nicht. Viele haben für diese Grundlage einer menschlichen Gesellschaft gekämpft und setzen sich dafür tagtäglich weltweit u.U. mit hohen Risiken ein.

In allen drei großen Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam wird Gott Barmherzigkeit zugeschrieben. Gott sieht die Menschen barmherzig und gnädig an - darum sollen sich die Menschen genauso liebevoll betrachten und anerkennen. Daraus resultiert die Liebe zu sich selbst, zum Nächsten, sogar die zum Feind. Respekt meint Achtung der Menschlichkeit! Ein Beispiel hörten wir davon gerade in der Lesung vom barmherzigen Samariter.

Respekt heißt auch Vorsicht. "Ich habe großen Respekt vor Löwen" - Den Löwen achten, als möglicherweise überlegenes, gefährliches Tier ist doch allzu verständlich! Sie müssen in Ihrem Beruf auch immer auf der Hut sein, aufmerksam für Situationen und Personen. Respekt haben beinhaltet Achtsamtkeit - einschätzen zu können, was man kann und was nicht. Respekt zollen gegenüber dem Löwen als hessischem Wappentier samt seinem Träger oder seiner Trägerin macht Sinn. Damit respektiert man nicht nur eine Autoritätsperson, sondern die Tatsache, dass das Gewaltmonopol bei der Polizei liegt. Und da kann ich nur sagen: Gott sei Dank! Als Anwärter und Anwärterinnen stehen Sie später gemäß ihrer Überzeugung auf dem Rasen und können nicht anders; wie ein Löwe müssen, sollen, dürfen und können Sie aber auch ganz anders! Respekt!

Respekt schließt Voraussicht mit ein. Es geht um Entscheidungen und ihre Folgen. Rund um die Uhr werden solche Entscheidungen in der Polizeiarbeit getroffen - zum Schutz und zur Sicherzeit von Menschen. Viele Gefahren wenden Sie im Vorfeld ab. Andere werden im öffentlichen Raum gebannt. Da herrscht nicht immer Einvernehmlichkeit mit der Bevölkerung. Sie bekommen das hautnah zu spüren.

Trotzdem halten Sie daran fest: Es geht nicht ohne ein respektvolles Miteinander! Sie wollen als Mensch in der Uniform anerkannt werden und einfach ihre Arbeit machen können. Sie leiden mit, wenn ihnen im Dienst Schicksale begegnen, Menschen, die respektlos behandelt wurden oder die ihre Selbstachtung verloren haben. Sie ärgern sich, wenn sie die Meinungsfreiheit derer schützen sollen, die die Liebe zur gesamten, bunten Schöpfung mit Füßen treten.

Dahinter liegt eine tiefe Sehnsucht, die wir miteinander teilen: der Wunsch nach Frieden und nach Gerechtigkeit, nach heil-Sein. Dieser Sehnsucht und Verheißung den Weg zu bahnen, dem Frieden "die Rettungsgasse frei" zu machen ist eine tägliche Herausforderung.

Sie gilt uns allen. Die Arbeit für Frieden und Gerechtigkeit ist schwer, ist ein ständiges Ringen. Als Gläubige haben wir da eine besondere Stärke, die sich im Umgang mit dem Bösen und Respektlosen bewähren kann. Standhalten durch das Bewusstsein des Angenommen-Seins, des geliebt Seins, des heilig Seins.

"Ich bin wertvoll, kostbar, heilig. Nicht weil ich perfekt bin, sondern weil Gott an mich glaubt." Nehmen Sie das für sich in Anspruch! Martin Luther sagt: "Du bist vielmehr heilig, als dass du Hans oder Kunz heißt". Das gibt Selbstbewusstsein und richtet auf. Mehr als mein Name, mein Rang, meine Gehaltsstufe zählt: Ich bin heilig.

Wenn Sie merken, Gott liebt nicht nur mich, sondern eben auch den Kollegen (der mir das Joghurt aus dem Kühlschrank wegnahm) oder das Gegenüber (ein Jugendlicher, der genau um seinen rechtlichen Spielraum weiß), sind Toleranz und Gelassenheit gefragt. Sie gehören zur Haltung und Praxis in unserem Glauben. Toleranz und Gelassenheit wollen geübt sein. Das respektvolle Miteinander braucht Anleitung und Geduld, vor allem Kommunikation. Hier ringen wir um neue Methoden, um den Dialog nicht abreißen zu lassen und bewährte Regeln für das Gemeinwohl durchzusetzen. Die wichtigste Voraussetzung und Ausdruck des gegenseitigen Respekts ist eine inklusive Gesellschaft. Darauf sollten wir alle gemeinsam und verstärkt unseren Blick richten. Jeder und jede will erfahren, dass er/sie wertvoll und gebraucht ist.

Sie sind es! Ihnen als Kommissaranwärtern und -Anwärterinnen möchte ich heute an Ihrem besonderen Tag ein Segenswort mit auf den Weg geben:

Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt (1. Thess 5,23a).

Amen

Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel