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"...ich urteile über keinen."

Diplomierung 2010

Einer von sechzig, diplomiert und ernannt.
Einer von sechzig, diplomiert und ernannt.

Grußwort anlässlich der Diplomierung von 60 Absolventen der Studien-gruppen 2/07/P-01-03 der Verwaltungsfachhochschule in Wiesbaden, Fachbereich Polizei, im Kurhaus zu Bad Schwalbach am 16. Juli 2010:

Liebe Festversammlung aus Verwandten, Freunden und Polizeiangehörigen, liebe Polizei- und Kriminalkommissarinnen und -kommissare.

Ich weiß, ich greife mit dieser Anrede etwas vor. Aber in Kürze halten Sie Ihre Diplome und Ernennungsurkunden in Händen und ab 1.August dürfen Sie sich dann mit Fug und Recht so nennen. Was sind die paar Tage verglichen mit 3 Jahren Studieren und Büffeln als "AnwärterInnen". Nun haben Sie Ihr Ziel erreicht und allen Grund zum Feiern. Dass es bis hierher kein immer leichter Weg war, zeigt schon das Motto von Aristoteles, an das Sie (rot und kursiv) in Ihrer Einladung erinnern: Die Wurzeln der Bildung sind bitter, doch die Früchte sind süß.

So ist es. Studium kann mühsam sein, zumal wenn es ständig von Leistungsnachweisen und Beurteilungen flankiert wird. Angesichts dieser "Begleitumständen" bleibt schon mal die Lust am Begreifen und am geistigen Durchdringen "der Materie" auf der Strecke. Dabei sind gerade die kleinen und großen Aha-Erlebnisse unterwegs kostbar - süße Früchte! - und sollten trotz Prüfungsstress nicht verloren gehen. Heute hat das Beurteilen erst mal ein Ende. Die Ergebnisse stehen fest. Beurteilte und Beurteiler atmen gleichermaßen auf. Mag der eine oder die andere mit dem Ergebnis auch nicht ganz zufrieden sein, das Wichtigste ist geschafft und ich kann nur alle ermuntern, sich jetzt nicht mit 10teln hinterm Komma aufzuhalten. Eine wichtige Etappe in Ihrem Berufsleben ist genommen und ich gratuliere Ihnen dazu - auch im Namen meiner katholischen Kollegen und Herrn Dr. Schulz-Rauch, den Sie aus dem Ethikunterricht kennen. Nun hoffe ich und wünsche Ihnen, dass der Sommer und der sich anschließende Urlaub vor allem von dieser Freude grundiert wird - jenseits aller Bewertungen.

Denn daran kann man in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren gar nicht oft genug erinnern: es gibt Felder und Zeiten im Leben, wo das Bewerten und Beurteilen nichts verloren hat. Wo man sich mit Fug und Recht seines Lebens einfach freuen darf und an denen, die einem nahe stehen. Leistung ist wichtig, aber bei weitem nicht alles. Die Würde eines Menschen gründet unter anderem ja darin, dass zwischen Leistung und Person tunlichst zu unterscheiden ist.

Daran erinnert auch der biblische Monatsspruch August aus dem Johannesevangelium:

Jesus Christus spricht: Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen (8,15)

Ein erstaunliches Statement für einen, der nicht nur die 10 Gebote gut geheißen, sondern durch seine Bergpredigt noch mit einer Fülle von Verhaltensregeln ergänzt hat. An denen haben sich seine Anhänger seitdem zu messen. Trotzdem: Jesus urteilt über keinen. Ich vermute aus zwei Gründen. Einmal, weil das letzte Urteil über einen Menschen allein Gott zusteht. Zum anderen, weil aus Beurteilen allzu leicht ein Verurteilen werden kann. Und dann besteht die Gefahr, dass zwischen den (Un-)Taten eines Menschen und seiner Person nicht mehr ausreichend unterschieden wird.

Wenn Sie nach Ihrer Rückkehr aus dem Urlaub in den Polizeidienst einsteigen, werden Sie mit dieser Problematik immer wieder zu tun haben. Sie werden die Handlungsweisen Ihrer Mitbürger kraft Amtes zu beurteilen haben, ggf. zu ahnden, bzw. der Justiz zu überantworten. Dabei gibt es Straftaten, die es einem schwer machen noch den Menschen im Täter zu sehen. Doch genau darum haben wir alle uns auf dem Boden des Grundgesetzes und unserer christlich-abendländischen Tradition immer wieder zu bemühen. Dass Ihnen dies im Beruf neben allen anderen Herausforderungen immer gelingen möge, wünsche ich Ihnen heute. Und: dass Sie die künftigen Beurteilungen Ihrer Vorgesetzten als gerecht erleben, Sie diese auf keinen Fall tiefer treffen, als statthaft ist.

Alles Gute und Gottes Segen für Ihren weiteren Berufsweg.

Leitender Polizeipfarrer Wolfgang Hinz