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Zwischen Feiern und Festnehmen - Eindrücke

einer Polizeiseelsorgerin

Zwischen Feiern und Festnehmen - Eindrücke

...die einen 5er-Trupp auf dem Schlossgrabenfest in Darmstadt begleitet.

Das Schlossgrabenfest ist das größte Musikfestival in Hessen. Der Eintritt ist frei, aber die Eingangsbereiche werden auf mitgebrachte Getränke hin kontrolliert. Der Dienststellenleiter des 1. Darmstädter Polizeireviers Michael Dalfuß vermittelte mir als Polizeiseelsorgerin die Möglichkeit, am ersten Abend des Schlossgrabenfestes mit auf Fußstreife zu gehen. Vorab lernte ich das Leitungsteam für diesen Einsatz kennen. Ich verstand: In dem 80-seitigen Sicherheitskonzept für diese Großveranstaltung steckt viel Mühe und Vorbereitung, der Veranstalter hat es in enger Zusammenarbeit mit der Polizei ausgearbeitet.

Am Donnerstagabend vor Pfingsten betrat ich das Darmstadium, ein zentral gelegenes Veranstaltungsgebäude. Hier sind die mobile Führungszentrale im dritten Stock und der Aufenthaltsraum für die Bediensteten im Souterrain eingerichtet. Die Nähe zum ASB, der im gleichen Gebäude sein mobiles Lazarett und eine Leitstelle hatte, wird geschätzt. Hier können die Versorgung und Hilfeleistung für Personen in Kooperation durchgeführt werden können. So werden beispielsweise alkoholisierte Jugendliche betreut und zeitnah die Eltern informiert, um sie abzuholen.

Interessant war für mich mit welcher Diskretion die Polizei ihre Arbeit im Gebäude verrichtete, sodass sie wie gewünscht im Erscheinungsbild unauffällig blieb. Offenbar verändert eine Uniform die Menschen - nicht nur die Träger und Trägerinnen, sondern auch die Betrachtenden. Ja, Erkennbarkeit hat viele Auswirkungen. Eine davon: Ein DJ grüßte eine Polizeistreife extra freundlich von der Bühne.

Nach der Teilnahme an der Führungsbesprechung konnte ich mit dem Einsatzverantwortlichen PHK Peter Rauchmann einen Rundgang über das gesamte Gelände machen. Zusammen begleiteten wir die Kommunikatoren an ihren Einsatzort. Gott sei Dank - der Abend verlief ohne Bombendrohung oder ähnliche Störungen, die eine Panik hätten auslösen können.

Herr Rauchmann nahm sich Zeit. Vor dem Ansturm nahm er das Gelände selbst in Augenschein und "übergab" mich dann einem Trupp. Die Offenheit und Freundlichkeit, die mir von allen Beteiligten entgegen gebracht wurde, weiß ich sehr zu schätzen.

Los ging´s in verschiedenen Sektoren, die jeweils von einem Trupp für eine bestimmte Zeit kontrolliert werden sollten. Bis 00.30 Uhr sollten drei Wechsel stattfinden, um die Belastung an einem besonders lauten Ort für Beamte zu minimieren. Mein Team setzte sich aus zwei Polizistinnen und drei Polizisten zusammen, davon waren vier von der Polizeistation Pfungstadt und eine Polizistin aus dem 1. Revier in Darmstadt. Im intensiven Gespräch mit dem Leiter der Gruppe, POK Peter Müller konnte ich gute Einblicke in seine Polizeiarbeit und die Polizeiorganisation gewinnen. Er erzählte von Schicksalen, die nicht aus dem Kopf gehen und von einer Unfallaufnahme, bei der er seine spätere Frau kennen lernte. Freud und Leid liegen dicht nebeneinander!

Die Herausforderung der Polizeiarbeit an einem solchen Fest ist groß. Die Spannung ist weit zwischen der gelösten und friedlichen Feststimmung und der möglichen plötzlichen Veränderung zum notwendigen Polizeieinsatz. Darauf gefasst zu sein, gelassen und aufmerksam zugleich, setzt eine besondere Haltung voraus.

So begegneten Einzelne aus "meinem Trupp" Kollegen und Kolleginnen, die privat unterwegs waren und feierten. Immer mal wieder blieben wir deshalb stehen, ohne jemanden zu verlieren. Dann mischten sich auch noch "special guests" unter die Musikliebhabenden: Der Leitende Polizeidirektor und ein Polizeidirektor aus Südhessen kamen vorbei. Der Oberbürgermeister schüttelte uns die Hände, der Bürgermeister fragte, ob alles ruhig sei.

Mir ging es ähnlich wie den Polizeibeamten und Beamtinnen. Ich traf Bekannte und Kirchenvorsteher, sogar der eigene Sohn tauchte unterwegs auf. Dennoch war ich nicht privat unterwegs, sondern im öffentlichen und kirchlichen Auftrag.

Am späteren Abend wurde dann eine Festnahme nötig. Ein junger alkoholisierter Mann hatte durch die Sicherheitsfirma einen Platzverweis erhalten, dem er trotz Ermahnung nicht nachkam. Die Polizisten und Polizistinnen erledigten ihre Aufgabe souverän, freundlich und den Freunden des Festgenommen gegenüber erläuternd.

Häufiger wurde unsere Gruppe von Bürgern und Bürgerinnen lediglich um Auskunft gebeten. Eine weitere Aufgabe bestand darin, eine gefundene und an die Polizei übergebene EC-Karte abzugeben und als Fundsache zu dokumentieren. Unserer Gruppe gegenüber zeigten sich die meisten Festbesucher respektvoll, an anderer Stelle kam es durch Widerstand gegen die Polizei allerdings zu einer Verletzung eines Beamten.

Ansonsten verlief der erste Abend des Schlossgrabenfestes ruhig. Die Präsenz der Polizeistreife wirkte präventiv und beruhigend - so die allgemeine Überzeugung. Meine seelsorgerliche Begleitung veränderte äußerlich nicht viel. Doch ich ging mit, reflektierte im Gespräch polizeilichen Alltag und nahm Anteil am besonderen Einsatz bei einem Straßen- und Musikfest aus Sicht und auf Seiten der Polizei.

Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel