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"Beginn der Menschlichkeit"

Predigt anlässlich der Vereidigung der Polizeianwärterinnen und Polizeianwärter in Rheinland-Pfalz, Bad Marienberg, 6. Mai 1996

Liebe Polizeianwärterinnen, liebe Polizeianwärter,

liebe Gemeinde.

Das hat auch nicht jeder - einen Tag im Berufsleben, der so markant einen Anfang setzt, wie der heutige Tag Ihrer Vereidigung. Die meisten schliddern da irgendwie hinein, unterschreiben einen Vertrag, ein Handschlag und "Herzlich willkommen in der Firma", ein Gläschen Sekt vielleicht - das war's dann auch. Sie beginnen heute mit einem Gottesdienst. Ein umfangreiches Programm mit Musik, den Ansprachen hoher Herren und gemeinsamem Mittagessen wird sich anschließen, im Mittelpunkt Sie und das Versprechen, das Sie ablegen werden. Es muss also schon was besonderes sein um den Polizeiberuf, Ihr Beamtenverhältnis, wenn dem ein solches Versprechen, ein Eid vorangeht, eingebettet in einen festlichen Tag.

Jean Paul Sartre, der kritische Philosoph, hat im Eid nicht weniger als den "Beginn der Menschlichkeit" gesehen. Aus freien Stücken einem andern Menschen, einer Gemeinschaft, einer guten Sache die Treue zu schwören, ist in der Tat etwas zutiefst Menschliches. Ohne die Bereitschaft des einzelnen zur Bindung, zur Selbstbeschränkung der eigenen Freiheiten, zum Einsatz für andere hätte keine Familie und keine Gesellschaft Bestand. Der Eid ist wohl der intensivste und verbindlichste Willensausdruck solcher Verlässlichkeit und Treue.

Als angehende Polizeibeamtinnen und -beamte haben Sie einen Beruf gewählt, der diese Bereitschaft in besonderer Weise voraussetzt und auch erfordert. In den letzten Monaten ist viel Kritisches über das Berufsbeamtentum gesagt worden, Pflichten und Privilegien wurden gegeneinander abgewogen und angesichts knapper Kassen gefragt, in welchen Bereichen denn wirklich hoheitliche Aufgaben zu bewältigen sind, die eine besondere Treuepflicht voraussetzen. Viele Beamtengruppen wurden in Frage gestellt, nur eine nicht, die Ihre und das aus gutem Grund. Mit dem Gewaltmonopol vertraut Ihnen unserer Gesellschaft ein wichtiges Instrument zur Erhaltung des inneren Friedens an, dessen Gebrauch ein hohes Maß an Verantwortung erfordert. Wer hat sonst die Befugnisse, in die Rechte, das Leben von Bürgern derart einzugreifen? Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, die Landesverfassung von Rheinland-Pfalz und die geltenden Gesetze bilden den Rahmen, in dem Sie Ihren Dienst auszuüben, den Sie unbedingt zu respektieren und den Sie zugleich mit zu schützen haben - in Treue und Gehorsam und in gewissenhafter Erfüllung Ihrer Amtspflichten. Ein hoher Anspruch drückt sich hier aus. Respekt allen, die sich diesem Anspruch stellen und ihn nach Kräften einzulösen bemühen. Aber wer verstünde nicht, wenn dem einen oder der anderen dabei ein kleiner Schrecken in die Glieder fährt: "O Gott, wie soll ich das schaffen, wie kann ich das versprechen?" Ist der Eid, den Sie heute ablegen, eher ein "Beginn der Unmenschlichkeit", wenn Sie an all das denken, was sie erwartet und von Ihnen erwartet wird?

Ich bin im Vorfeld dieses Tages gebeten worden, in meiner Predigt auf eine kurze Passage der Eidesformel einzugehen, die nicht zwingend zu ihr gehört. Sie alle sind sicher dahingehend informiert worden, dass Sie die fünf kleinen Worte am Ende: "so wahr mir Gott helfe" nicht mitsprechen müssen. Das ist zweifellos eine kluge Regelung, denn der Glaube ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. Und gerade im Zusammenhang eines Eides, wo es auf ein Höchstmaß an Aufrichtigkeit und Verbindlichkeit ankommt, ist Eindeutigkeit gefragt. Erlauben Sie mir gleichwohl, zumal es im Rahmen eines Gottesdienstes geschieht, dieser so genannten "religiösen Beteuerungsformel" ein wenig nachzuspüren.

Jesus selbst hält nicht viel vom Schwören, vor allem dann nicht, wenn dabei Gott im Übermaß strapaziert wird. Seiner Meinung nach dienen solche Beteuerungen nur dazu, die Verlässlichkeit dessen, der schwört, zu überspielen oder zu überhöhen. "Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel."(Math 5,37) Ein eindeutiges Wort in eigener Verantwortung ist ihm allemal das Beste. Ich denke mir, das gilt nicht nur im Blick auf Schwüre, sondern auch im Alltag, zumal im polizeilichen.

Gleichwohl kommen Menschen, die an Gott glauben, gerade in wichtigen Momenten nicht ohne ihn aus. Der Glaube geht immer aufs Ganze. Glaube, der diesen Namen wirklich verdient, beschränkt sich nicht auf die Kirche am Sonntagmorgen oder andere festliche Gelegenheiten. Glaube durchdringt das ganze Leben, lässt einen auch in ganz unscheinbaren Momenten innehalten und Ereignisse vor Gott bedenken und in besonderen Momenten natürlich auch. Der kleine fromme Schlenker "so wahr mir Gott helfe!" am Ende der Eidesformel nimmt diesen Wunsch auf, ohne den Betroffenen aus seiner Verantwortung zu entlassen oder diese zu überhöhen. Er markiert vielmehr die Grenzen des Menschen Möglichen und gibt gerade dadurch einem Versprechen sein Gewicht.

Wenn Sie heute Ihren Treueid leisten, ist damit die Erwartung verbunden, dass Sie in Ausübung Ihres Berufes dem Grundgesetz, der Landesverfassung und den Gesetzen entsprechend gewissenhaft handeln, d.h. sich in Ihrem Gewissen an diese binden. Das Gewissen ist jener Ort in uns, wo wir unser Handeln im Voraus oder im Nachhinein an dem messen, was uns an Erfahrungen, Überzeugungen und Regeln leitet. Letztlich tun wir das dann, wenn uns Widersprüche bewusst werden, das gute Gewissen ist bekanntlich das ruhige Gewissen. Unruhig wird es, zum inneren Schlachtfeld kann es werden, wenn das, was wir tun wollen oder getan haben, in Widerspruch gerät zu dem, was uns innerlich leitet oder wenn Erfahrungen, Überzeugungen, Regeln in uns gegeneinander aufmarschieren. Es gehört zum Beruf einer Polizeibeamtin, eines Polizeibeamten, dass sie es mit solchen inneren Kämpfen zu tun kriegen und es ehrt sie zugleich, wenn dem so ist, auch wenn es anstrengend wird und den Dienst bisweilen noch schwerer macht.

Ein waches, aktives Gewissen ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier ein Mensch seinen Beruf und seinen Diensteid ernst nimmt. Es ist kein Ausdruck von Schwäche, sondern menschlicher Stärke, die aller Unterstützung wert ist. Spannungen, die Ihr Dienstauftrag zwangsläufig mit sich bringt, können ein Gewissen enorm strapazieren: Es ist schwer, die Würde eines Menschen zu achten und zu schützen, der sich selbst einen Dreck drum schert und wie ein Schwein aufführt. Es kann einem einiges abfordern, die Versammlungsfreiheit für Leute zu gewährleisten, die die Freiheit Andersdenkender lautstark in Frage stellen. Es braucht einiges an Zivilcourage, Kollegen oder gar Vorgesetzten entgegenzutreten, wenn man an ihrem Vorgehen, ihren Entscheidungen ernsthafte Zweifel hegt. Die Liste wäre unschwer fortsetzbar, um die Spannung zwischen den Wirklichkeiten von Verfassung und Berufsalltag zu illustrieren. Auch wenn uns dankbar bewusst ist, dass erstere mit zu dem Besten zählt, was in unserem Land je gegolten hat. Manchmal möchte man auch als Polizeibeamter ob solcher Widersprüche laut "Hilfe" schreien, damit es einen innerlich nicht zerreißt. Die eigenen Möglichkeiten und das, was eigentlich zu tun wäre, stehen bisweilen in einem lähmenden Zwiespalt. Diese Grenzen aushalten, nicht mit Totallösungen liebäugeln, kleinen Schritte auf dem Weg der Verbesserungen gehen, all das bedarf einer Gelassenheit, die von innen oder von ganz oben kommt.

"So wahr mir Gott helfe!" atmet eine solche Gelassenheit und Zuversicht, die einen innerlich zusammenhalten kann. Wer das für wahrnimmt, steht nicht allein auf weiter Flur - gerade bei der Polizei eine wichtige Voraussetzung um zu bestehen. Zugleich bringt diese Formel mit Gott eine Größe ins Spiel, die unsere Ansprüche, Wünsche und Erwartungen an uns selbst und an andere auf ein menschliches Maß reduziert. Wer mit dem "ewig reichen Gott, dem Brunnquell guter Gaben" rechnet, kann vom Ehepartner, von Politikern, von der Polizei, aber eben auch von sich selbst nicht mehr alles erwarten. Umgekehrt ist er vor totalitären Ansprüchen gefeit, seien sie nun ideologischer, politischer oder auch religiöser Art. In diesem Sinne könnte die Nennung Gottes im Treueid vielleicht sogar für jemanden, der nicht glaubt, doch dies eine leisten: die Einsicht nämlich, dass auch die Verfassung kein papierener Gott ist, sondern ein mühsam entstandenes, immer auch verbesserungswürdiges Regelwerk menschlicher Einsicht, das gleichwohl hoch zu achten und nach Kräften einzuhalten ist.

Dies schließt die Möglichkeit menschlichen Versagens immer mit ein. Irren ist menschlich, heißt es und damit ist mehr gemeint als das vorschnelle Verharmlosen gemachter Fehler. Wir Menschen haben unsere Grenzen. Und auch Polizeibeamte und -beamtinnen haben ihre Grenzen, nicht nur rechtlich, sondern auch persönlich. Gott sei Dank! Denn gerade das unterscheidet uns ja von Gott, und wir tun zu unserem eigenen Wohl und Seelenheil gut daran, diese Grenze nicht zu verwischen. Fehler machen ist menschlich, sie einzugestehen und zu verarbeiten ist und macht stark. Ein gnädiger Umgang von Vorgesetzten und Untergebenen (und umgekehrt!) ist dafür die beste Voraussetzung. Da entsteht dann der Freiraum, die nötige Gelassenheit auch zur gewissenhaften Erfüllung von Dienstpflichten. Da gelingt es dann vielleicht, dem Gast in der Ausnüchterungszelle am Morgen bei der Wiederherstellung seiner Würde behilflich zu sein, dem rechten Krakeeler die Stärke der freiheitlich - demokratischen Grundordnung durch souveränes Vorgehen zu verdeutlichen und schließlich, wo nötig, Zivilcourage in den eigenen Reihen zu zeigen.

Der blinde Bartimäus (Mk 10,46-52) ist dabei ein schönes Vorbild für Impertinenz und Zivilcourage. Er lässt einfach nicht locker, sich von nichts und niemandem abbringen, um mit Jesus in Kontakt zu kommen. Wenn z.B. Gewissensnöte einen so weit treiben, alle Rücksichten fahren zu lassen und selbst Gott auf die Nerven zu gehen, ist das offensichtlich nicht der schlechteste Weg. Für Martin Luther war das getroste Gewissen gerade eine der Gaben, für die Gott zuständig ist, jener innere Frieden, der den widersprüchlichen Erfahrungen mit sich selbst und der Wirklichkeit standhält. Über diese Wirklichkeit und das, was ihr abhelfen könnte, muss Bartimäus sich allerdings selbst klar werden: "Was willst du, dass ich dir tun soll?" fragt ihn Jesus. Lösungen fallen selten vom Himmel, selbst mit Gott im Verein kann es sein, dass sie gemeinsam ausgelotet werden müssen. Dass Sie diese Mühe nicht scheuen, wenn es notwendig ist, wünsche ich Ihnen an diesem Tag.

Sie treten heute in einen Dienst ein, dessen verantwortliche Ausübung für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Schenke Ihnen Gott dafür die nötige Kraft, Ausdauer und Gelassenheit, ein waches und getrostes Gewissen. Möge Ihr heutiges Versprechen ein "Zeugnis der Menschlichkeit" sein - für sie selbst und für die, denen Sie durch Ihre Arbeit dienen - so wahr Ihnen Gott dabei hilft. Amen.

Polizeipfarrer Wolfgang Hinz