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"...sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Predigt des Kirchenpräsidenten

Kirchenpräsident   Dr. Volker Jung - Foto: EKHN
Kirchenpräsident
Dr. Volker Jung - Foto: EKHN

- im Gottesdienst zum Neujahrsempfang der Polizeiseelsorge Hessen und Rheinland in Wetzlar am 21.01.2011

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Diese Worte des Paulus sind die Jahreslosung für dieses Jahr. Sie stehen im Brief an die Gemeinde in Rom in folgendem Zusammenhang (Röm 12,17-21):

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

*

Liebe Gemeinde!

"Warum wollen Sie zur Polizei? " - Auf diese Frage antworten viele Bewerberinnen und Bewerber für den Polizeidienst häufig: "Ich will mithelfen, Straftaten zu verhindern. Ich möchte, dass alle Menschen sicher leben."

In dem Buch "Spurensuche positiv", das im vergangenen Jahr von den Beiräten der Polizeiseelsorge in Rheinland-Pfalz als ein Gebets- und Andachtsbuch herausgegeben wurde, greift ein Polizeiseelsorger diese Aussagen auf. Und er sagt zugleich: Wer so etwas sagt, ist ganz nah bei dem, was der Apostel Paulus sagt, wenn er sagt: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Ja, die Worte des Paulus sind damit dann fast so etwas wie ein Leitmotto für die Arbeit der Polizei.

Der Polizeiseelsorger fragt aber auch kritisch nach: "Was ist daraus im Lauf meines Berufslebens geworden? Bin ich diesem Anspruch gerecht geworden?"

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Kann man das überhaupt durchhalten? Ist das nicht vielleicht sogar ein wirklichkeitsfremdes Ideal? Kann man Böses wirklich durch Gutes überwinden? Ist das nicht fruchtbar naiv?

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Mir hat vor ein paar Tagen ein Vater erzählt, dass er seinen 15-jährigen Sohn gefragt habe: Was hältst Du denn von diesem Satz?

Der 15-Jährige habe mit den Schultern gezuckt und gesagt: "Das ist wie in den Disneyfilmen!" Das hieß für ihn: Die Guten siegen über die Bösen. In Disneyfilmen sieht man ja auch immer sofort, wer die Guten sind und die handeln dann auch gut. Für den Jugendlichen war das aber auch belanglos. Sein Schulterzucken verriet seine Skepsis. So ist die Welt nicht!

Schwarz und weiß? Gut und Böse? Im richtigen Leben ist das nicht immer so einfach auseinanderzuhalten, wie im Disneyfilm. Und nicht immer geht das Leben so gut aus wie in einem Disneyfilm.

Ich glaube, dass es nicht einfach ist, sich im Leben den Blick für das Gute zu erhalten, sei es nun das Gute im Menschen oder auch an die Kraft des Guten.

Und ich denke, dass Polizistinnen und Polizisten es dabei besonders schwer haben. (Pfarrerinnen und Pfarrer übrigens auch.) Polizistinnen und Polizisten blicken doch in viele menschliche Abgründe. Sie haben es in ihrem Beruf mit Menschen in allen Altersstufen und aus allen Schichten zu tun. Sie begegnen der Tragik einzelner Lebensschicksale. Sie begegnen dem Leid von Opfern von schlimmen Unfällen und Verbrechen. Sie begegnen unschuldiger Hilflosigkeit von Menschen auf der einen Seite und auf der anderen Seite geballter krimineller Energie und Gewalt, die keinen Respekt vor anderen kennt. Kann man da wirklich noch an das Gute glauben? Kann man an einen guten Gott glauben? Und wie entwickelt sich dabei das eigene Menschenbild ? das Bild von anderen, das Bild von sich selbst? Kann man Menschen noch mit Vertrauen begegnen?

Ich habe das bei mir selbst und auch schon bei vielen anderen beobachtet. Wenn man oft mit schwierigen Situationen zu tun hat und dabei merkt, wie rücksichtslos Menschen sein können. Oder wie sehr Menschen darauf bedacht sind, nur ihren eigenen Vorteil zu suchen, dann ist man in der Gefahr immer misstrauischer zu werden. Dann fängt man plötzlich an, alle unter Generalverdacht zu stellen.

Hin und wieder rede ich auch mit den Juristen bei uns in der Kirchenverwaltung über genau diese Frage. Die haben natürlich oft mit schwierigen Personalfällen und Konfliktsituationen zu tun. Und manchmal entsteht dann daraus der Impuls: Das müssen wir mal in einer neuen Ordnung regeln, um so einen Konflikt zu vermeiden. Wir reden dann darüber, ob es gut ist, aus einer Konfliktsituation heraus die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewissermaßen unter Generalverdacht zu stellen. Klar, wenn es strukturelle Fragen sind, muss man regeln. Aber man muss aufpassen, aus persönlichem Fehlverhalten einzelner nicht eine Kultur des Misstrauens gegenüber anderen zu etablieren. Gerade Leitungspersonen sind hier in besonderer Weise gefordert. Um gut arbeiten zu können, braucht es Vertrauen. Das gilt in der Kirche. Das gilt in anderen Organisationen und Unternehmen. Und das gilt sicher auch in der Polizei.

Es braucht Vertrauen. Das macht für mich die Worte des Paulus so interessant. Denn offenbar ist er überzeugt: Es lohnt sich, nach dem Guten zu fragen, nach dem, was Vertrauen gibt - gerade um mit dem Guten das Böse zu überwinden.

Also frage ich genauer nach: Warum sieht Paulus das so? Und woher kommt die Kraft, das durchzuhalten?

Paulus ist kein naiver Gutmensch. Seine Worte sind kein ein¬facher Appell, an das Gute im Menschen zu glauben. Damit ist es manchmal nicht weit her. Sie sagen auch nicht einfach. Am Ende werden die Guten oder das Gute siegen. Das ist kein lockeres "Alles wird gut!". Paulus geht vielmehr davon aus: Jeder Mensch - auch der fromme Christenmensch - ist zu jeder Zeit in der Gefahr ist, Vertrauen zu verlieren oder selbst in den Sog des Bösen zu geraten.

Und wenn er vom Bösen redet, dann denkt er ja sehr konkret.

Das Böse ist für ihn, Böses mit Bösem zu vergelten. Also: Wenn mir ein anderer Übles will, dann so zu reagieren: Na warte, Dir werde ich es zeigen! Und dann entsprechend zu handeln! Wenn Du mich fertig machen willst, dann wollen wir doch mal sehen, wer am Ende gewinnt! Das Böse ist das, was im Kern darauf zielt, einen anderen zu vernichten! Rache zu üben! Paulus sagt: Das ist eure Sache nicht! Wir kennen die entsetzliche Dynamik, wenn erfahrenes Unrecht mit neuem Unrecht beantwortet wird. Wenn Gewalt mit Gewalt beantwortet wird, die Rache übt! Das ist das Böse. Und dieses Böse reißt alle ins Verderben!

Wir erfahren jeden Tag davon. Mich haben wie viele andere Menschen am Beginn dieses Jahres sehr die entsetzlichen Anschläge auf Christen im Irak und in Ägypten beschäftigt. Es gab zum Glück viele, auch und gerade Muslime, die sich deutlich distanzierten. Und es war so wichtig, dass Christen besonnen reagierten. Die Kopten haben dies getan. Sie haben zu Recht den Schutz des ägyptischen Staates angemahnt. Aber sie haben nicht zu Hass und Kampf aufgerufen. Die Gefahr ist groß, dass Gewalt neue Gewalt produziert - auch Gewalt mit Worten, verletzenden, diffamierenden, den Hass anstachelnden Worten.

Das soll eure Sache nicht sein. So ermahnt Paulus die Ge¬meinde in Rom. Und wir müssen uns klar machen, dass er dies an Christinnen und Christen geschrieben hat, die ja selbst in der Gefahr standen, verfolgt oder vernichtet zu werden. Der Kaiser in Rom zu dieser Zeit hieß Nero! Lasst euch nicht vom Bösen hinreißen! Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann!

Paulus sagt dies so eindringlich, weil es ihm darum geht, die Dynamik des Bösen zu verhindern. So betrachtet sind diese Worte in der Tat auch ein wirklich gutes Leitwort für polizeiliche Arbeit, auch für den Grenzfall polizeilicher Gewalt.

Die hat im Übrigen hier ihre Legitimation und ihre Grenze. Sie hat das Ziel, weitere Gewalt zu verhindern. Sie darf niemals ihr ausschließliches Ziel in der Vernichtung der Person haben, schon gar nicht in Rache und Vergeltung.

Es bleibt die Frage: Wie kann man das durchhalten, sich nicht vom Bösen überwinden zu lassen und das Böse mit Gutem zu überwinden?

Reicht da die reine Menschenliebe? Ich denke nicht. Ich glaube, dass diese Kraft kaum jemand hat. Hand auf´s Herz: Wem fällt es leicht, dem, der einem Böses will, so einfach Gutes zu tun? Mir nicht.

Paulus sagt dies so, weil er überzeugt ist: Es gibt eine Kraftquelle und mit der seid ihr verbunden. Gott ist für euch eine Kraftquelle. Er ist eine Kraftquelle für das Gute: etwa für den barmherzigen Blick auf andere, weil Gott barmherzig ist! Er ist in seinem Sohn Jesus Christus hineingekommen in diese Welt. Er hat Hass und Gewalt auf sich genommen, damit ihr frei werdet. In ihm ist Gott barmherzig. Und ihr seid auf seinen Namen getauft. Ihr gehört zu ihm. In ihm könnt ihr die Kraft finden, euch nicht hinreißen zu lassen. In ihm könnt ihr immer wieder neue die Kraft finden, in jedem Menschen ein Gotteskind zu sehen mit unantastbarer Würde. Weil ihr im Blick auf Gott entdeckt: Wir sind alle angewiesen auf seine Gnade und Barmherzigkeit.

Vielleicht hat dies auch der Polizist so gesehen, der folgenden kleinen Text geschrieben hat, der ebenfalls in dem bereits erwähnten Andachtsbuch "Spurensuche" abgedruckt ist. Ich stelle ihn bewusst an das Ende dieser Predigt, weil er von der Herausforderung des Alltags redet und noch einmal sehr schön beschreibt, wie nah die Worte des Paulus dem Ethos des Polizeidienstes sind.

"Du siehst ihn auf der Bank liegen. Er hat sie vollgekotzt. Dur merkst, dass er dich nicht richtig wahrnehmen kann. Er stöhnt und beschimpft dich "Du Bullensau". Du nimmst ihn hoch, weil es zu kalt ist; denkst, er erfriert. Er nennt dich einen "Drecksack" und "Schweinehund". Du passt auf, dass er sich den Kopf nicht anschlägt. Die Kollegin fährt ganz vorsichtig. Du hast ihn angeschnallt, damit er nicht von der Bank rutscht. Du stützt ihn, damit er nicht fällt. Er tritt, schlägt und spuckt nach dir. Zweimal "Bullenschwein", einmal "Bullensack". Mittlerweile riecht er nach Urin. Seine Hose wechselt die Farbe. Du hilfst ihm, damit er sich beim Hinlegen nicht verletzt. Seine Frau schreit am Telefon. "Behaltet das Schwein". Du notierst alles, was er dabei hat, damit nichts verloren geht. Er schläft. Du schaust alle Stunde nach ihm. Er schnarcht. Er geht am nächsten Morgen heim. Du erhältst keinen Dank. Du musst drei Tage später zum Chef. Wegen ihm. Er hat sich über dich beschwert, seine Jacke sei schmutzig geworden. Du gehst nach Hause und deine Söhne freuen sich auf dich. Die Kleinen sind stolz - ihr Vater ist Polizist." (Martin Ulbrich, Spurensuche, 25)

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!"

Im Sinne des Paulus möchte ich Sie dazu ermutigen, das zu leben, indem sie sich immer wieder neu dem anvertrauen, der für uns das Böse überwunden hat - Christus. Möge im Blick auf ihn und mit ihm dieses neue Jahr für uns alle - privat und im Dienst ein gutes Jahr werden!

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, be¬wahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Kirchenpräsident Dr.Volker Jung