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Trauerfeier für Harry Machwitz

Ein Nachruf der Polizeiseelsorge

Foto: Ursula Mahler
Foto: Ursula Mahler

Nicht oft bin ich Harry Machwitz begegnet, aber immer, wenn ich mit ihm gesprochen habe, ist mir das in Erinnerung geblieben. Doch will ich hier nicht von persönlichen Erfahrungen sprechen, sondern daran gedenken, dass Harry Machwitz in politisch unruhigen Zeiten der erste Polizeipfarrer der EKHN war. Da dieser Dienst - wie er selbst versichert hat - für Harry Machwitz von herausgehobener Bedeutung war, möchte ich heute gerne an sein Wirken damals erinnern.

Für die Jahre 1966 - 1973 war er nämlich durch die Kirchenleitung berufen worden, hauptamtlich den Dienst der Seelsorge an Polizeibeamten wahrzunehmen, nachdem schon andere vor und neben ihm wie auch Harry Machwitz selbst seit 1961 berufsethischen Unterricht in Mainz-Kastel an der Mudra, in Mühlheim, Wiesbaden und Mainz gegeben hatten.

Seine Dienstzeit fiel in die für die Geschichte der Bundesrepublik prägenden Jahre um 1968, die auch für die Ordnungskräfte besondere Herausforderungen darstellten. Stichworte wie der Besuch des Schah 1967, APO-Aktionen sowie die Aktivitäten von Baader, Meinhof oder Ensslin, die in die Bildung der RAF mündeten, markieren das politische Feld, in dem Harry Machwitz seinen berufsethischen Unterricht durchführte und Polizisten seine Seelsorge anbot. Gerade Frankfurt stellte in diesen unruhigen und zugleich aufregenden Jahren bundesweit ein Zentrum der kritischen Auseinandersetzung der Jugend mit dem politischen System der Nachkriegszeit dar.

Innerpolizeilich war diese Zeit gekennzeichnet durch die Umgestaltung einer Obrigkeitspolizei in eine Bürgerpolizei - eine Polizei, die immer mehr militärische Denkweisen hinter sich ließ und die Zivilgesellschaft als Ernstfall entdeckte. Diesen langwierigen und mühsamen Prozess durfte Harry Machwitz in prägenden Jahren begleiten und die spezifische kirchliche Perspektive einbringen. Eine besondere Chance kirchlicher Arbeit als Friedensmittler zwischen den Fronten sah er darin, protestierende Studenten und Polizeibeamte im Rahmen von Tagungen an einen Tisch zu bringen und gemeinsam mit ihnen Wege auszuloten, Verständnis füreinander zu finden und friedliche Formen des Protestes zu entwickeln.

Insofern war es ein Glücksfall, dass Harry Machwitz schon Jahre zuvor während seiner Zeit als Pfarrer in Amöneburg Gelegenheit hatte, mit der Polizei in Kontakt zu kommen, die damals wie heute in einer auf dem Gebiet der Mudra-Kaserne in Mainz-Kastel untergebracht war. Auf Initiative des damaligen Abteilungsführers, der eine kirchliche Beteiligung am Ausbildungsprogramm für junge Polizeibeamte wünschte, begann Harry Machwitz bereits 1961 mit dem berufsethischen Unterricht. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, begann er zunächst nebenamtlich, die Polizei durch Begleitung des Einzeldienstes auch von innen her kennenzulernen. So gerüstet mit Einsichten in den Apparat der Polizei und durch zahlreiche, in den ruhigen Jahren entwickelte persönliche Bekanntschaften, war Harry Machwitz bestens vorbereitet, in den nachfolgenden krisenhaften Jahren in den tiefgreifenden Umbrüchen innerhalb der Polizei die Friedensbotschaft der Kirche zur Geltung zu bringen.

Natürlich blieb es innerkirchlich nicht unumstritten, welche spezielle Aufgabe denn eine Polizeiseelsorge neben dem normalen Gemeindepfarrdienst, der selbstverständlich jedem Polizeibeamten zugänglich war, zu erfüllen haben sollte. Es gehört zu den Verdiensten von Harry Machwitz, dass er die Polizeiseelsorge nicht nur innerhalb der Polizei als Vermittlungsinstanz zur kirchlichen Arbeit verankern konnte. Auch innerhalb der Kirche war Überzeugungsarbeit zu leisten, um den besonderen Nutzen der Spezialseelsorge zu würdigen, die damals - anders als heute - neben der scheinbar exklusiven Gemeindeseelsorge eine exotische Außenseiterposition innehatte. Insofern gehört Harry Machwitz Wirken auch hinein in die Erneuerung des theologischen Seelsorgekonzeptes in der akademischen Diskussion gerade dieser Umbruchsjahre, deren Berechtigung durch seinen Dienst bestätigt werden konnte.

Als Vertreter des Polizeipfarramtes möchte ich - auch im Namen meiner beiden Kollegen - meine Hochachtung für Harry Machwitz zum Ausdruck bringen. Dankbar können wir heute sein Wirken da-mals als Grundstein unserer Arbeit heute ansehen.

Harry Machwitz Rückblick als Polizeipfarrer

Polizeipfarrer Dr. Martin Schulz-Rauch am 21. März 2009 in der Thomasgemeinde