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Archiv: Texte

Worte zum Advent

Barbara Görich-Reinel

Liebe Gemeinde,

Wir Menschen wollen gut ankommen. An den Zielen, die wir uns gesetzt haben. Bei anderen Menschen - ankommen. Wir wollen gefallen, Erfolg haben, heil durchs Leben kommen. Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, wollen wir mit dem Herzen dort ankommen, wo wir das Jahr über vielleicht weniger waren. Näher dran am Licht, näher hin zur Freude, näher am besonderen Erleben. Ankommen im Advent. Ankommen verspricht Wohlergehen.

Gleichzeitig sehen wir täglich Menschen Ankommen. Entwurzelte, Geflohene, Emigranten. Sie sind auf der Suche nach Herbergen. Sie wünschen sich unter uns in Deutschland anzukommen, mitten in einem normalen, menschenwürdigen Leben. Wie wir suchen sie Wohlergehen. Kennen Sie unsere "Bedingungen" gut genug?

Ankommen ist nicht einfach. Selbst für Gott nicht. "Bereitet dem Herrn den Weg!" fordert Jesaja auf, ein Prophet des Alten Testaments. Gott will ankommen. Räumt alle Hindernisse weg, die Gottes Weg zu uns verstellen!

Es will Weihnachten werden, Friede auf Erden, obwohl sich auf dem Weg dorthin so viele Probleme auftürmen. Gläubige Menschen sagen, Gott ist schon da. Er hilft und packt mit an, die Schwierigkeiten zu lösen. Ich denke da an Polizeibeamte, die kurzerhand Windeln für Flüchtlingskinder kaufen, weil es ihnen persönlich nahe geht, wenn ein Kleinkind seit Tagen die gleiche Windel trägt.

Hilfsbereitschaft auf der einen Seite, auf der anderen das Gefühl von Überlastung. Ratlosigkeit im Umgang mit der schon lange vorhersehbaren Flüchtlingsbewegung. Ab- und Ausgrenzungsängste machen sich breit, biedere Menschen werden zu Brandstiftern. Hier rückt Gott in die Ferne.

Dahinter liegt für mich die Frage: Wie lassen wir Gott weltweit in unseren Alltag hinein? Darf Gott sichtbar ankommen? Wie weit öffnen wir uns für das Leben, für die Liebe, für die Hoffnung, die alle Menschen verbindet?

Ich bin überzeugt: Gott kommt an, wenn wir ihn neu entdecken. Gott möchte Platz schaffen für Frieden und Gerechtigkeit. Für diese Botschaft wollen wir unsere Herzen und Türen öffnen.

Alle Menschen werden angesprochen: Christen und Christinnen, Juden und Jüdinnen, Muslime und Musliminnen, auch das anonyme Christentum, von dem schon der berühmte Theologe und Widerstandskämpfer gegen die Nazis Dietrich Bonhoeffer sprach. Menschen, die das Leben achten, ohne sich explizit zu Gott oder Jesus Christus zu bekennen. Auch Zweifler und kritische Geister. Alle, diese müssen zusammen halten, damit das Leben siegt. Das sind Koalitionen, die noch wenig geübt sind, möglicherweise auch mit Tabus belegt, aber notwendig angesichts der "Weltlage". Unser kleines Jubiläum, dass wir heute den 20. Ökumenischen Weihnachtsgottesdienst im Präsidiumsbereich Südosthessen zusammen feiern, ist ein Zeichen dafür!

Zusammen sollte uns das Leben aller Menschen wertvoll und wichtig sein. Sind die Lebensmöglichkeiten aller im Blick, verändert sich unser persönliches und gesellschaftliches Handeln, wandeln sich Ökonomie und Politik. Jesaja spricht zu seinen Zeitgenossen im 8. Jhdt vor unserer Zeitrechnung - in einer Besatzungssituation im Nahen Osten: "Gott, der Herr, kommt als Sieger und zeigt seine Macht. Die Siegesbeute, sein Volk, das er befreit hat, zieht vor ihm her." Und das Volk Israel konnte in der Tat sein Leben bald wieder selbst organisieren.

Gott möchte uns von Krieg befreien und Terror erlösen. Darum will Gott immer wieder neu ankommen, in unserer Welt. Das ist die gute Botschaft und Verheißung. Wir selbst sind Zeugen und Zeuginnen davon: 70 Jahre kein Krieg in Deutschland, 25 Jahre Deutsche Einheit _ das haben wir in diesem Jahr gefeiert. Daran halten wir fest. Darauf wollen wir aufbauen und uns nicht in Kriege an anderen Orten verwickeln lassen.

Dennoch: Wie soll man Fundamentalisten, Pegida-Anhänger oder auch junge Menschen, die mit dem IS sympathisieren, vom guten gemeinsamen Leben überzeugen? Hilft da Reden, das "Einsatzmittel" Wort? In Dresden wird es versucht. Aber es braucht auch Taten: Prävention, Strafverfolgung, das was die Polizei tut. Und es bedarf wirkliche Aussichten auf Teilhabe und die Bereitschaft selbst Verantwortung zu übernehmen. Es braucht Vertrauen in das eigene Leben und in die Gemeinschaft, den Staat.

Vertrauen ins Leben fassen, heißt Wurzeln zu schlagen. Sich auf diese Welt einzulassen. Vertrauen entsteht aus "vernünftigem Glauben". Der kann uns nicht genommen werden und macht stark: Gegen Selbsterhöhung von religiös anmutenden Firmengebaren und gegen religiöse Intoleranz von Fundamentalisten. Liebe ist stärker als Hass.

Gott kommt durch ganz normale, beseelte und beherzte Menschen in die Welt, durch solche, die ans Leben glauben und sich dafür stark machen. Sie halten Gott lebendig. Sie bilden die Krippe, in der das Göttliche geboren und neu zur Welt kommen kann.

Wenn wir das schaffen, die Krippe zu sein - dann kommen wir gut an. Alle miteinander. Menschen, die nicht für möglich halten, dass Gott auf die Erde kommt. Und Menschen, die neugierig sind, auf das neue Leben.

Ihnen - und allen - eine gesegnete Adventszeit. Amen

Offenbach Post vom Montag, 7.12.15 (101 KB)

Polizeipfarrerin Barbara Görich-Reinel