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Nächste Station: Sinn

Gedanken kurz nach Herborn

Sinn

Der Zug Frankfurt-Siegen passiert kurz vor Herborn den kleinen Ort Sinn, heute bekannt durch seine Glockengießerei. Auf dem Weg zur Trauerfeier für den Heilig Abend erstochenen Polizeibeamten befremdet die routinierte Ansage "Nächste Station: Sinn". Nichts scheint ferner so wenige Tage nach der Bluttat.

Kerzen am Bahnhof

Warum muss ein Polizist, mit 46 mitten im Beruf und Leben stehend, bei der Kontrolle eines mutmaßlichen Schwarzfahrers sterben? Wegen einer Nichtigkeit, wie es der Innenminister in seinem Nachruf auf den Punkt bringen wird. 60 € Bußgeld gegen ein Menschenleben, das spottet jeder Verhältnismäßigkeit. Und doch treibt die Frage nach dem Sinn viele um.

Sinn, heißt es im Philosophischen Wörterbuch, ist u.a. der verstehbare Zweck einer Handlung und ihre Bedeutung. Wo wir diese zu begreifen vermögen, werden Ereignisse und Zusammenhänge erträglicher, auch wenn sie schrecklich sind. Eine solche Entlastung will sich in Herborn nicht einstellen. Neben der Trauer ist es gerade die Sinnlosigkeit der Tat, die zu schaffen macht. Statt Sinn vielmehr "sin" (engl. für Sünde), zerstörerisch für die unmittelbar Betroffenen, für eine dem Gemeinwohl verpflichtete Berufsgruppe, für das Gottvertrauen.

Am Ende der großen Trauerfeier sind es die Worte, das Glockengeläut der Stadtkirche und die unzähligen Kerzen auf den Stufen des Herborner Bahnhofs, die trösten. Der Zusammenhalt, den dieser Tod bewirkt, beeindruckt. Liegt darin ein Sinn? Um welchen Preis!?! Möge uns das auch andern Grunds gelingen.

Fotos und Text: Ltd.Polizeipfarrer Wolfgang Hinz