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Grußwort zur Feier der Diplomierung an der HfPV

im Kurhaus Bad Schwalbach

Pfr. Dr. Martin Schulz-Rauch
Pfr. Dr. Martin Schulz-Rauch

Das Leitmotiv war eine Fankappe des FSV Mainz 05, der sich in der zurückliegenden Saison überraschend erfolgreich in die oberen Bereiche der Tabelle vorgekämpft hatte.

Liebe Absolventen, liebe Angehörige und Freunde,

schauen Sie sich diese Kappe mal genau an: So sehen Sieger aus! Jedenfalls der amtierende Vize-Herbstmeister. Was die Begeisterung doch alles für phantastische Titel erfindet!

Bevor aber jetzt die Frankfurter empört den Saal verlassen, schiebe ich eilig lieber gleich nach: Von Fußball verstehe ich überhaupt nichts. Wenn Millionen Bundestrainer auf deutschen Sofas fachmännisch Spielzüge diskutieren, bleibt mir nur Staunen. Mein Ding beim Fußball ist mehr das Drumherum. Und da gibt es viel zu entdecken!

Vor allem, wenn ich den heutigen Anlaß bedenke. Da sitzen doch tatsächlich lauter Aufsteiger hier unter uns, lauter Sieger - fast hundert Pokal-Gewinner! Wenn das mal nichts ist! Dazu möchte ich Ihnen allen ganz herzlich gratulieren - auch im Namen der katholischen Polizeiseelsorge. Nach drei Saisons entbehrungsvoller Mühe: Jetzt haben Sie es geschafft.

Und zwar wie?

Durch hartes Training natürlich - nächtelang - mit Schweiß und Disziplin. Nicht alles schließlich fliegt einem zu, nicht alles begeistert: Was - bitte schön - bringt mir das? Voll Spielfreude und läuferischer Ausdauer aber haben Sie schließlich Ihre Klausuren geschafft, Ihre Hausarbeiten und Referate.

Da ist Geduld gefragt. Und ohnmächtige Ergebung in den starken Willen der Dozenten, Ihrer Trainer. Und blitzschnelles Reagieren: Im Erfassen des Stoffes genauso wie natürlich auch im Vergessen, wenn Neues, Wichtigeres im Kopf Raum verlangt. Wer siegreich auf dem Platz bestehen, im Studium Erfolg haben will, der muß in großen Räumen denken und zugleich im Detail perfekte Beinarbeit leisten: Juristische Haarspalterei beherrschen und kriminalistischen Röntgenblick für verborgene Spuren entwickeln.

Alleine freilich schafft das keiner. Ohne Mannschaftsspiel kein Erfolg! Einzelgänger, Streber, Karrierehengste mögen glänzen. Ohne Team aber sind sie aufgeschmissen! Im Studium wie im Polizeialltag muß man den Ball abgeben, gekonnt Pässe spielen, dem Kollegen Steilvorlagen liefern und auch mal zurücktreten können: Einander stützen, vorantreiben, mitziehen, herausfordern, anspornen, Mitschriften austauschen, Lerngruppen bilden, aufeinander achten, füreinander eintreten. So wie keiner alleine auf Streife gehen oder in Gefahren bestehen kann.

Mehr noch können wir vom Überraschungsteam der Hinrunde lernen - mögen sie jetzt vielleicht auch die Rückrunde vergeigen. Es sind nämlich die Fans, die einen Klub an die Spitze bringen, die Fans, die bedingungslos zu ihrem Verein stehen, die Fans, die bejubeln, was gelingt, und die trösten, wenns in die Hose geht.

Sie alle haben Ihre Fans, die Sie ins Ziel, ins bestandene Diplom, getragen haben: Ihre Partner und Kinder, Ihre Eltern und Großeltern, Ihre Freunde und Nachbarn, die gestern noch geduldig Ihre Launen ertragen mußten, heute aber stolz Ihren Erfolg feiern. Ja, die Ihnen - wie Ihre Eltern - den Weg bereitet haben und jetzt stolz Sie im Ziel sehen: Ihre Fans eben, ohne die Sie nachher nicht Ihre Urkunde empfangen könnten.

Das Lob, die Begeisterung - sie ist eine heftige Droge. Und zwar legal und vollkommen kostenlos. Mutmacher haben manchen schon ins Ziel getragen, der sonst auf halber Strecke verzagt schlapp gemacht hätte: Du schaffst das! Ich bin stolz auf Dich!Lernen Sie darum von Ihren Fans! Loben Sie, auch wenn Sie Zweifel hegen, feuern Sie an, auch wenn nicht alles überzeugt, wagen Sie, stolz zu sein, auch wenn nicht alles glänzt. Wehren Sie dem Irrtum - verbreitetet übrigens auch unter Dozenten und Vorgesetzten: Nicht getadelt ist genug gelobt!

Falsch! Im Leben geht es zu wie im Fußball: Scheitern gehört dazu. Hart gekämpft, aber es lief nicht rund. Vollen Einsatz gebracht, trotzdem unnötige Treffer kassiert. Es gibt immer auch zweite Sieger und sogar Absteiger. Man kann Prüfungen in den Sand setzen, bei Referaten ins Stottern geraten, bei einfachen Fragen einen Blackout erleiden. Fans aber stehen zu ihrem Verein, auch wenn er schwächelt, Geliebte stehen zu ihrem Schatz, auch wenn er Mist baut, Kollegen stehen zu einem Kameraden, auch wenn er versagt. Wie in einem gesunden Fußballverein sollte es zugehen - im Studium wie in der Partnerschaft oder in der Dienstgruppe: Niederlagen schweißen zusammen, Niederlagen betreffen alle, Niederlagen fordern gemeinsames Handeln, damit das ganze Team aus der Krise gestärkt hervorgeht.

Und noch ein Letztes lernen wir von einem Außenseiter, der einen Spitzenplatz erreichte - einem Provinzverein, der ursprünglich nur den Klassenerhalt anstrebte: Wer über begrenzte Mittel verfügt, der muß kreativ werden. Was im Geldbeutel fehlt, muß man mit Schnelligkeit, Spielfreude und Kampfeslust wettmachen. Wer wenig in der Hinterhand hat, muß haushalten, bedächtig vorgehen, klug investieren und Neues wagen. Der wird dann punkten sogar im Auswärtsspiel gegen selbstgefällige Abonnenten auf den Meistertitel, die sich auf goldenen Lorbeeren vergangener Tage ausruhen.

Wer von Ihnen ist nicht schon mit weißen Flecken auf der Landkarte in Prüfungen gestartet, mußte nicht schon mit Minimalgepäck sich durchmogeln und irgendwie zum Ziel sich durchhangeln. Wie im richtigen Leben eben, wo Bäume nicht in den Himmel wachsen, überall Grenzen lauern, Widerstände hindern und Träume zerfliessen.

Das wünsche ich Ihnen darum zum Beschluß: Lassen Sie sich nicht unterkriegen! Wenn es gerade und direkt nicht geht, probieren Sie es eben buckelig und schepp. Wenn Ihnen die Puste ausgeht, setzen Sie konsequent auf Ihre Stärken! Machen Sie Ihre Schwächen wett durch Köpfchen, Ihre Handicaps durch geschickte Technik, Ihre Behinderungen durch kluge Kräfteverteilung im Team.

Vor allem aber wünsche ich Ihnen für Ihr berufliches und privates Gelingen den Segen des Gottes, ohne den alles Mühen erfolglos bleibt! Den Segen des Gottes, der bei denen ist, die Erfolge fleißig sich erstreben, die im Team fest zusammenhalten, die Schwache niemals fallen lassen. Den Segen des Gottes also, der als Ihr größter Fan Sie unablässig lobt, erbaut, ermutigt und Ihnen stets zeigt, wie wunderbar Sie in seinen Augen sind. Den Segen des Gottes schließlich, der gerade bei den Schwachen mächtig ist, die redlich sich mühen mit begrenzten Mitteln.

Ich wünsche Ihnen den Segen unseres lebendigen Gottes, dessen fairer Sports-Geist Ihrem Leben Richtung gibt und Orientierung.

Gott behüte Sie, damit Sie immer heil nach Hause kommen!

Pfarrer Dr. Martin Schulz-Rauch