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Christ-Sein in der Welt

Predigt über Eph 6,10-17 zum Gottesdienst der Polizeiseelsorge am Reformationstag in der Altmünsterkirche zu Mainz

Prof. Dr. Markus Wriedt
Prof. Dr. Markus Wriedt

Liebe Gemeinde!

Das Leben ist ein Kampf!? Diese fast schon abgedroschen anmutende Phrase ist - nicht nur in diesen Tagen - für viele Menschen bittere Realität. Überleben, Sich Durchsetzen, Sich nichts wegnehmen lassen, Position beziehen, das harte Wort von der Ellbogenmentalität oder auch -gesellschaft, zahlreiche Bilder hält unsere Sprache bereit, wenn es darum geht, den alltäglichen Kampf - und Krampf - ums Überleben, um Anerkennung, Fortkommen, Karriere und Existenzsicherung zu beschreiben.

Der martialische Text des Apostels Paulus (Eph 6,10-17) aus seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus (der heutigen Türkei, am Südwestrand des Landes gelegen) scheint wunderbar zu passen. Auch hier ist vom Kampf, von der Rüstung, von Waffen, Widerstand und äußerster Kraftanstrengung die Rede. Aber hat diese Rede nicht jahrtausendlang in die Irre geführt: Wenn in diesen Tagen vielerorts Menschen aufeinander zugehen, um die Jahrhunderte teilweise Jahrtausende alten Gräben innerhalb des Christentums, vor allem aber auch zu anderen Religionen zu überbrücken. Da ist diese Sprache und Bildwahl alles andere als geschickt gewählt.

Nicht zuletzt die Geschichte des heutigen Tages hat eine solch fatale Wirkung entfaltet. Mit den - in zahlreichen Bildern und schließlich auch im Kino wunderbar in Szene gesetzten - nächtlichen, weithin hallenden Hammerschlägen bringt der junge Augustinermönch im nebligen Elbestädtchen Wittenberg im Oktober 1517 nicht nur eine wichtige Entdeckung an die Öffentlichkeit: Nein, er bringt das bisher scheinbar unangefochtene mittelalterliche System der Einheit von Kirche und Staat zum Zusammenbruch. Auf einem Druck wird er später als deutscher Herkules gezeichnet, der mit einer mächtigen Keule auf Papst und Kaiser und deren Vasallen eindrischt; ganz zu schweigen von weiteren politischen und gesellschaftlichen Vereinnahmungen.

Wollen wir so gesehen werden? Ist das die Botschaft vom Gott der Liebe und Vergebung, von Barmherzigkeit und Nächstenliebe? Sicherlich nicht! Wie also hat das Christsein in der Welt auszusehen? Was bedeutet es - nicht nur in historischer Re-miniszenz - sich heute auf Luther und die durch ihn provozierte Reformation mit allen ihren, zum Teil auch schmerzlichen Folgen, zu berufen.

Aus gegebenem Anlass habe ich zur Vorbereitung dieser Predigt den Wittenberger Reformator noch einmal selbst zum verordneten Bibeltext gelesen. Und dabei konnte ich einige erstaunliche Beobachtungen machen.

Die erste ist zunächst die, dass Luther das Thema "Christ in der Welt" ausdrücklich traktiert. Die zwischen 1530 und 1545 gehaltenen Predigten zur Eph. 6 thematisieren allesamt die Auseinandersetzung des Christen mit seiner Welt. Freilich nimmt Luther dabei eine eigentümliche Akzentsetzung vor. Er stellt nicht den, für einen Mönch des ausgehenden Spätmittelalters durchaus erwartbaren Gegensatz zwischen Christ und Welt auf, sondern sieht den Christen vielmehr von Gott in die Welt hineingestellt. Das Verhältnis ist also gerade kein selbstverständlicher Antagonismus (Widerspruch), sondern entspricht Gottes Willen und Ordnung. Der Christ gehört in die Welt und soll sich gerade nicht aus ihr verabschieden. Er hat Verantwortung übertragen bekommen - er hat dem Ruf Gottes Folge zu leisten. Der Christ ist in die Welt hinein berufen.

Ja - Sie haben richtig gehört. Der Christ leistet einem Ruf Folge, und das dadurch bestimmte und sinnvoll orientierte Leben nennt Luther in einer seiner zahllosen Prägungen der hochdeutschen Sprache: Beruf. Luther meint damit nun freilich nicht die Erwerbstätigkeit des Christen, seinen Job. Nein, für den Wittenberger Theologen, ist der Gehorsam gegen Gottes Ruf, das vielfältige Wirken aller Menschen nach dem Willen Gottes, die rechte - fromme - Berufstätigkeit. Und so sind es nicht nur Leh-rende, Predigende, heilende, schützende, administrierende Menschen, sondern alle Tätigkeiten von Menschen, die diese im Wissen um ihre von Gott gegebene Begabung und den sich darauf beziehenden Ruf Gottes ausüben: die Erziehung von Kin-dern, die Pflege von Kranken und Schwachen, die Sorge um Haus und Familie, und vieles mehr.

Sich vor diesem Ruf zu drücken oder sich seinen von Gott gegebenen Gaben (Begabungen) zu entziehen, wäre Gotteslästerung, eine Sünde. Gott schenkt dem Menschen seine Fähigkeiten in dieser Welt im Auftrag ihres Schöpfers tätig zu sein.

Das zweite ist das damit verbundene Feindbild: Gegen wen, wenn nicht gegen die Welt, streitet denn der Christ? Hier enttäuscht die erste Lektüre: Wie nicht anders zu erwarten, ist der Feind Gottes der Satan. Er ist damit auch Feind des Christen. Wer nun aber die phantastischen Satansspekulationen des Mittelalters erwartet, wird enttäuscht. Luther hat ein sehr eindrückliches Teufelsverständnis: "Da kommt er nicht etwa daher getrollt und sagt: Ich bin der Teufel, hüt dich vor mir! Sondern: Ei, lieber Mensch, wie bin ich so sorgfältig auf dich bedacht! ... Das heißt der "listige Anlauf" des Teufels, dass er sich stellt, als wäre er unser Freund und triebe unsere Lehren und Wort. ... Darum lerne, dass der böse Geist mit seinen Engeln nicht in Indien und im Mohrenland ist, sondern in deiner Kammer, auf den Gassen, hinter dem Ofen: Wo immer du bist, wo du schläfst und redest, gehst und stehst und was du auch tust, da sind die Teufel um die her wie Hummeln." Der Teufel nach Luther ist ein Moralist und Schriftgelehrter - nur dass er seine Lehre und Moral nicht von der Schrift herleitet, sondern die Schrift nach seinem eigenen Gesetz auslegt und verbiegt. Vor diesem Hintergrund kein Wunder, dass er für Luther vor allem in der Gestalt seiner evangelischen Widersacher - der Schwärmer - von Andreas Karlstadt über Thomas Müntzer bis hin zu den Täufern auftritt. Übrigens nicht oder nur ganz am Rande in Gestalt der Vertreter der römischen Kirche!

Mit dieser Deutung stehen wir nun im Zentrum der reformatorischen Botschaft Luthers: Es geht um die Heilige Schrift. Sie enthält für alle Christen das lebendige, weil lebensstiftende, -bewahrende und -orientierende Wort Gottes. Wo dieses Wort verändert und verfälscht, verdunkelt oder gar ganz zum Schweigen gebracht wird, hat der Christ den Kampf um dessen Erhalt aufzunehmen. Verlassen wir einmal die Bildebene, die uns zu Beginn unseres Nachdenkens so irritierte. Der Slogan der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau lautet: Aus gutem Grund evangelisch! Und welcher Grund ist das? Wohl kaum die Aversion aufgrund persönlicher Erfahrungen und Enttäuschungen gegen die Vertreter der römischen Schwesterkirche! Auch wohl kaum die inhaltlichen Differenzen zu Vertretern anderer Religionen und religiöser Gemeinschaften. Nein, liebe Gemeinde, das evangelische Christentum ist eine posi-tive Gemeinschaft, die etwas zu sagen hat. Es sind Christen, denen die Botschaft von der lebensstiftenden und erhaltenden Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, ihr ganzes Leben bestimmt und orientiert. Es sind Frauen und Männer, die eine lebendige Beziehung - ganz gleich in welcher Gestalt - zu Christus haben und ihn als den Inhalt ihres Lebens begreifen. Es sind Menschen, die - teilweise schmerzlich - erfahren haben, dass sie ihr Leben nicht aus eigener Kraft bewältigen können, sondern alles, aber auch alles der Zuwendung Gottes - und erneut sage ich: ganz gleich in welcher Gestalt - zu verdanken haben. Es sind dankbare Menschen, welche die ihnen zugewendete Kraft weitergeben an andere Menschen, die den Mut zum Leben und die Luft zum Reden verloren haben. Und es sind streitbare Menschen, die auf jene durch das Evangelium gefundene Freiheit nicht mehr verzichten wollen und bereit sind, sie - mit Klauen und Zähen - zu verteidigen.

Aus gutem Grund evangelisch! Ja, liebe Gemeinde, den Grund sollten wir uns nicht aus den Händen nehmen lassen: die Schrift. Und zwar nicht im Sinne der historisch-kritischen Betrachtung, sondern die Bibel als lebendiges Wort Gottes. Ich werde jetzt nicht der teuflischen Versuchung unterliegen, Ihnen zu erläutern, wie man die Bibel damals und heute verstanden hat, welche Interpretationswege man gehen kann oder besser lässt, sondern erneut auf Luther verweisen, der die Bibel als lebendiges Wort Gottes für sich erfahren hat und darum so wirkmächtig an andere Menschen weiter geben konnte: Auch er wußte um die Probleme der inneren Kohärenz, um Widersprüche, Gegensätze und so weiter. Aber er hat ein Prinzip entwickelt, daß gleichsam ins Zentrum der evangelischen Botschaft verweist: die Lehre von der Mitte der Schrift. Wie in konzentrischen Kreisen enthält die Bibel viele verschiedene Aussagen, Wahrnehmungen, Interpretationen und Bilder (sic!) von Menschen - für Men-schen - um die erfahrene Nähe Gottes, seine Güte und Barmherzigkeit zu beschreiben. Dass diese untereinander nicht immer völlig harmonisch übereinstimmen, ja zuweilen widersprechen, liegt schlicht an der Vielfalt von Gotteserfahrungen höchst verschiedener Menschen. Aber allen ist das eine gemeinsam: die Erfahrung des liebenden, bewahrenden und gnädigen Gottes - selbst jenen, die zunächst ganz andere Erfahrungen machen mussten.

Und damit sind wir beim dritten, was man - neben vielem anderen - von Luther lernen kann: Christ sein in der Welt bedeutet vor allem auch Christ sein für die Welt. Alle Christen haben in ihren vielfältigen Berufen doch dies eine gemeinsam: das lebendige Wort Gottes weiter zu tragen, in die Welt hineinzutragen und die vielfältigen Erfahrungen Gottes nicht nur als historische Reminiszenz, sondern in mannigfaltiger Gestalt für die Gegenwart neu lebendig werden zu lassen. (Wir werden davon im Verlauf dieses Gottesdienstes an anderer Stelle noch zu sprechen haben.) Dies freilich nicht aus eigener Kraft und Vollmacht, sondern getragen und bewahrt von der Kraft des Geistes Gottes. Streit und Kampf entstehen dort, wo eben dieser Geist Gottes und das ihn tragende lebendige Wort verzerrt und verändert, gestört und behindert wird. Luther ist dabei ganz modern: Sein Teufelsbild ist nicht von Hörnern, Schwanz und Bocksfuß geprägt, sondern er sieht den Teufel im feinen Anzug, gesellschaftlich hoch anerkannt - vielleicht sogar ein hochgeachtetes Mitglied kirchlicher Gremien - auftreten und moralisch, politisch korrekt, den Finger am Puls der Zeit, den Bedürfnissen seiner Zuhörer angemessen, lebendig und mitreißend seine Botschaft verkündigen. Sie klingt dem Worte Gottes sehr ähnlich - immerhin ist der Satan ein gefallener Engel und kennt sich aus - und doch ihm direkt entgegengesetzt. Für Luther ist der Teufel - wie übrigens an anderer Stelle auch der Antichrist - jener, der die Botschaft von der Liebe Gottes zugunsten anderer, aktuellerer, brennenderer Themen verdrängt.

Christ sein in der Welt heißt, eben dieser Anfechtung - Verführung - zu widerstehen. Christ sein in der Welt heißt, sich im Vertrauen auf Gottes Kraft dem Feind zu stellen und offensiv die Botschaft des Evangeliums von der Liebe Gottes zu den Menschen zu vertreten. Aus gutem Grund evangelisch sein heißt, sich die dadurch gewonnene Freiheit der Kinder Gottes nicht abmarkten zu lassen und sich auch nicht auf die Einflüsterungen vom Geist des Teufels, der Zeit oder anderer scheinrelevanter Geistesströmungen einzulassen. Aus gutem Grund evangelisch sein heißt aber auch, Luther Luther sein lassen und ihn nicht in unangemessener Weise zur Lösung unserer gegenwärtigen Probleme heranzuziehen. Luther war ein Mensch des ausgehenden Mittelalters - dort sollten wir ihn auch belassen. Aber die Botschaft: nicht "seine Botschaft" wirkt - gemeinsam mit der anderer Glaubenszeugen - weiter als das Zeugnis von der erfahrenen Liebe Gottes in der Vielfalt alltäglicher Bezüge; eben - in der Welt.

Amen.

Prof. Dr. Markus Wriedt