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Aufrecht

Zum Gedenkstein der Hessischen Polizeiakademie

Aufrecht

Im November wird in besonderer Weise der Verstorbenen gedacht. Allerseelen, der Volkstrauertag, der Ewigkeitssonntag - alle haben ihr jeweils eigenes Gepräge. Auch die Polizei Hessens hält seit vielen Jahren in dieser Zeit inne, um der im Dienst verstorbenen Kolleginnen und Kollegen zu gedenken. 2013 wurden dazu nun erstmals Familien eingeladen, deren Angehörige während ihres Polizeidienstes verstorben sind. Die Polizeiseelsorge war gebeten worden, im Vorfeld einen Gottesdienst zu gestalten. Dafür bot sich unweit des Eingangs der HPA die Ev. Paul-Gerhardt-Kirche an, um von dort aus dann gemeinsam zum Gedenkstein zu gehen. Der steht seit ca. 25 Jahren auf dem Akademiegelände - in zentraler Lage nahe dem Uhrenturm. Einige Passagen der Predigt lenkten das Augenmerk der Gottesdienstbesucher auf diese Arbeit des Frankfurter Bildhauers Hans Steinbrenner (1926-2008):

Steinbrenners Arbeiten sind in Hessen öfters anzutreffen, aber auch darüber hinaus. In den späten Jahren seines Wirkens widmete er sich geometrisch-abstrakten, rhythmisch gegliederten Quaderskulpturen aus Muschelkalk oder auch Holz. In ihrer Strenge erinnern diese oft an die menschliche Gestalt. Das gilt auch für das Ehrenmal der Polizei Hessens. Man kann wohl sagen, dass mittlerweile Generationen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten dieses Mahnmal passiert haben - sei es im Rahmen ihrer Ausbildung oder einer Fort- und Weiterbildung. Welche Wirkung mag es auf sie haben?

Eines steht fest. Dieses Denkmal drängt sich nicht auf. Hier steht keine Mauer (mit Namensplaketten vielleicht) an der man nicht vorbei kommt. Steinbrenners Stele ist ein "stilles Objekt", das man durchaus übersehen kann. Wer aber seiner gewahr wird, den kann es ins Nachdenken bringen. Es erinnert, wie schon gesagt, an eine menschliche Gestalt, aufrecht, mit erhobenem Haupt, wie erstarrt. Oder eher in sich gekehrt? Wenn wir nachher hinüber gehen, um an der Kranzniederlegung teilzunehmen, werden viele von uns wohl eine ähnliche Haltung einnehmen: ernst, nachdenklich, gefasst, dem Anlass angemessen. Wenn wir wieder auseinander gehen, wird der Denkstein zurückbleiben und weiter das "verkörpern" was wir zuvor praktiziert haben: ein stilles Gedenken, quasi als Platzhalter für uns.

Wofür steht er?

Zunächst für Thorsten Schwalm und Klaus Eichhöfer, die 1987 an der Startbahn 18-West gewaltsam zu Tode kamen. Dies traumatische Ereignis gab den Anstoß zu seiner Errichtung. Eine Tafel am Boden aber weitet das Gedenken aus auf alle "Angehörigen der hessischen Polizei, die in Erfüllung ihrer Pflicht ihr Leben lassen mussten." Damit erinnert die Stele zugleich an den Ernst des Polizeiberufs und seine Gefahren. Eine Mahnung, die einer polizeilichen Ausbildungsstätte gut ansteht. In ihrem Horizont bekommt die Qualität der Ausbildung zusätzlich Gewicht, dem sich die Organisation, aber auch jeder einzelne zu stellen haben. Für die eigene Sicherheit und die anderer, kann man in diesem Beruf gar nicht fit genug sein, körperlich wie mental. Den Angehörigen der Polizei signalisiert die Stele zugleich, dass keiner aus ihren Reihen vergessen wird. Auch wenn der nahe Uhrenturm unerbittlich das Vergehen der Zeit anzeigt, die über alles und jeden hinweg geht - dieser Stein hält stand, würdigt den Einsatz der Männer und Frauen im Polizeidienst und hält unser Erinnern wach.

Die Einsicht, dass die aufrechte Haltung, der "aufrechte Gang", den Menschen auszeichnet und von anderen Lebewesen unterscheidet, ist wohl jedem geläufig. Anthropologen weisen darauf hin, wie bedeutsam dieser Umstand für die Entwicklung des Menschen ist. Der aufrechte Gang gibt die Hände frei und fordert das Gehirn auf neue Weise. Schon im Alten Testament führen solche Beobachtungen zu interessanten Schlussfolgerungen. Im Buch Prediger (7,29) gibt es einen Vers, der Übersetzer besonders heraus fordert. Im Anschluss an Luther formuliert ihn einer so: "Aufrecht hat Gott den Menschen geschaffen, aber er geht viele krumme Wege." Die aufrechte Gestalt wird zur Bestimmung für eine innere Gradlinigkeit. Der äußeren Erscheinung soll die innere entsprechen, der körperlichen eine ethisch-moralische. Es geht um eine umfassend aufrechte Lebenshaltung.

Könnte Steinbrenners Stele am Eingang der Polizeiakademie nicht auch daran erinnern? Gradlinigkeit und Integrität zeichnen einen guten Polizisten aus und schaffen das nötige Vertrauen. Gerade so sichert die Polizei auf vielfache Weise den Rahmen, innerhalb dessen Menschen aufrecht und redlich leben können, sich darauf verlassend, dass Unrecht und Betrug geahndet werden, der Ehrliche am Ende nicht der Dumme ist. Mag sein, dass ich das Denkmal damit überfrachte. Aber ich bin gewiss: solche Ansprüche in Stein zu meißeln, ist nicht weniger verdienstvoll, als sie tagtäglich in die Tat umzusetzen - aufrecht und erhobenen Hauptes.

Ltd.Polizeipfarrer Wolfgang Hinz