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Hilfe, Hilfe...! Polizei !!

Ein Reisebericht

"Fahren Sie dringend zu ...." so erreicht oft der Auftrag per Funk, Handy oder manchmal noch als persönliches Wort die Kolleginnen und Kollegen des Wach- und Streifendienstes der Polizei.

In der Regel folgt dann eine Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn zu einem schweren Verkehrsunfall, einer Gefahrenstelle, einer Schlägerei, einem Menschen der sich umbringen will, einer Lebensrettung oder einem sonstigen tragischen Ereignis, das sofortiges Einschreiten der Polizei erfordert.

Ich habe in meinem langen Berufsleben oft den Spruch gehört "Ankommen ist wichtig!". Wohl war. Es nutzt niemandem etwas, wenn dem Streifenwagen in aufgelöster Hektik ein Unfall passiert. Erst recht nicht den Personen, die auf die Polizei warten und dringend deren Hilfe benötigen. Das wäre eine Katastrophe für Alle. Es wird von der Polizei erwartet, dass sie trotz allergrößter Eile, in allen Notfällen klug handelt, besonnen zum Einsatzort fährt und ankommt.

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Kirchentagsmotto

Schon seit Jahresbeginn trug ich mich als evangelischer Christ mit dem Gedanken, am Kirchentag in Stuttgart teilzunehmen.

Ob ich wohl frei bekäme? Schließlich tagten zu selben Zeit in Elmau die G7 Staatsoberhäupter und benötigten jede Menge Polizeischutz. Auch die hessische Polizei war im südlichsten Bayern im Einsatz. Andere polizeiliche Lagen wie Kundgebungen, Sportveranstaltungen und Feste erforderten Personal. Die Wachstärke musste gehalten werden und Urlaub hatte ich nicht eingetragen. Ich bat um dienstfrei und endlich erhielt ich die Nachricht von der Dienststellenleitung: "Okay, Du kannst Überstunden abfeiern". Gigantisch. 4 Tage am Stück und ein komplettes Wochenende dienstfrei!

Kloster Lorsch, Königshalle

Also auf zum Kirchentag nach Stuttgart, der unter dem Motto stand: "damit wir klug werden!" In meiner Heimatgemeinde hatte sich eine Gruppe organisiert die ebenfalls zum Kirchentag fuhr. Manche fuhren mit einem Bus, andere mit Privatautos, manch einer mit der Bahn, das Übliche halt. Ich hatte etwas anderes vor. Die Wettervorhersage kündigte prima Reisewetter an und ich wollte nicht auf einer heißen Autobahn im "Brückentagsstau" stehen. Also beschloss ich, ich mache ich das mal anders und fahre mit dem Fahrrad nach Stuttgart.

Im Internet recherchierte ich und fand heraus, dass es eine Strecke gibt, die man von Frankfurt aus über Radwege fahren kann. Allerdings etwas über 200km! Nimmt man meine Anfahrt aus Mittelhessen und einen Abstecher über Waghäusel zum Übernachtungsquartier bei einem Kumpel dazu, wurde es eine stolze Gesamtstrecke von über 250 km. Mehr als zwei Tage wollte ich mir dafür nicht geben. Schließlich wollte ich ja auch ankommen und viel Zeit blieb mir nicht. Schaffe ich das?

Waldweg Maria Einsiedel bei Gernsheim

Wer sich nicht traut hat schon verloren, also habe ich meiner Familie, den Kollegen und den Menschen aus meiner Kirchengemeinde berichtet, dass ich mit dem Fahrrad zum Kirchentag fahren werde. Einige sagten, ich wäre völlig bescheuert, andere trauten sich das vielleicht nicht, aber ganz viele hatten Respekt vor dieser Entscheidung und baten um Bericht.

Ich startete am Dienstag im Morgengrauen und fuhr von Friedberg über Frankfurt nach Darmstadt. Noch nie war ich in Lorsch und die berühmte Klosterhalle kenne ich nur von den Hinweisschildern an der Autobahn. Dieses Weltkulturerbe wollte ich schon immer einmal sehen. Nun war es mir schon am Nachmittag gegönnt vor diesem altehrwürdigen Gebäude zu stehen.Ich war mit Fahrrad bis dorthin gekommen. Ein gigantisches Gefühl.

Ankunft in Bad Cannstatt

Durch die fruchtbare Landschaft der Rheinebene mit den Spargel- und den herrlich duftenden Erdbeerfeldern ging es weiter über Lampertheim und Schwetzingen nach Waghäusel in der Nähe von Speyer. Dort übernachtete ich bei einem Bekannten der mich mit herrlichen Getränken begrüßte und so für den nötigen Flüssigkeitsausgleich sorgte. Am nächsten Morgen startete ich wieder in aller Herrgottsfrühe. Es war schwülwarmes Sommerwetter angekündigt. Hinter Bruchsal fuhr ich einen Bergrücken hoch und wieder hinunter in das herrliche Kraichtal. Als ich wieder einmal nach dem Weg nach Stuttgart fragte, riet mir eine ältere Dame, der kürzeste Weg sei über die Autobahn...diesem Rat folgte ich natürlich nicht. Mein Weg führte mich hinauf nach Sternenfels. Ich weiß jetzt warum die Burg und der Ort so heißen. Denn bis man bis dort hinauf geradelt ist, was mir ohne absteigen und schieben gar nicht möglich war, ist man kurz davor "Sternchen" zu sehen. Nach dieser Bergetappe ging es weiter über die württembergische Weinstraße nach Stuttgart.

Zelt im Dekanatsgarten

Erschöpft und dennoch hoch motiviert erreichte ich über Zuffenhausen den Talkessel von Stuttgart. Ein Foto mit dem Ortsschild von Bad Cannstatt, mit meinem Fahrrad davor, schickte ich in die Kirchentags-WhatsApp-Gruppe meiner Kirchengemeinde. Das löste einen modernen Jubel in Form von Zeichen "Daumen hoch, Smileys" und anderen Symbolen aus. Ich bin angekommen. Ausgepowert und auf anderen Wegen angekommen, aber gesund und gestärkt durch diese besondere Anreise.

Vor dem Konzert der Wise Guys: der Autor

So konnte ich mich gerade wegen des Alleinseins unterwegs nun gut auf die mit Kirchentagsbesuchern gefüllte Stadt einlassen. Fand dort spontan mit meinem Zelt gute Aufnahme im Garten des Dekans zu Bad Cannstatt, denn der Campingplatz war bereits überfüllt.

Die ganze Fahrt war ein besonderes Erlebnis von dem ich noch lange zehren und erzählen werde

Bei allen Unwägbarkeiten der Fahrt habe ich gelernt, dass manchmal schon der Weg das Ziel sein kann. Mir war das Ankommen wichtig! Entschleunigtes und ruhiges Ankommen, um handeln zu können. Dieser Weg hat mich klug gemacht und mich vorbereitet. Ich war gelöst vom Alltag und konnte mich gut auf die die vielen Begegnungen in Stuttgart einlassen. Gut und sicher ankommen ist wichtig. Nicht nur bei Einsatzfahrten der Polizei sondern auch im wirklichen Leben. Kluges Handeln ist gefragt, auch zur eigenen Sicherheit.

Das Motto des evangelischen Kirchentages stand, wie bereits erwähnt unter der Losung "damit wir klug werden" aus dem 90. Psalm, Vers 12.

Ich habe viel gelernt.

Burkhard KÄS, PP Frankfurt, 4. Revier (Text und Fotos)