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Der Koran

Leseempfehlungen - nicht nur für Polizeibedienstete

Seit Wochen erregt die kostenlose Verteilung deutscher Koranausgaben durch eine Gruppe von Salafisten um den Kölner Prediger Ibrahim Abou Nagie die Gemüter. Offensichtlich stößt die Aktion auf großes Interesse. In Mainz haben laut AZ innerhalb von 90 Minuten 150 Korane den Besitzer gewechselt. Die Abnehmer dürften gerne die Gelegenheit genutzt haben, günstig an einen Koran zu kommen, den manche einfach mal kennenlernen wollen.

Nun bleibt es natürlich jedem unbenommen, die zentrale religiöse Schrift einer der fünf Weltreligionen an Interessierte weiterzugeben. Christliche Organisationen wie die Gideon-Gesellschaft, die seit Jahrzehnten in Hotels, Krankenhäusern und Gefängnissen die evangelische Lutherübersetzung des Neuen Testaments bereit legen lassen, oder die Christliche Polizeivereinigung (CPV), die eine schön aufbereitete Ausgabe an Interessierte innerhalb der Polizei weitergibt, sorgen auf ihre Art dafür, daß die Bibel unter die Leute kommt.

Kritisch fragen kann man freilich, ob die deutsche Wiedergabe des arabischen Textes, die so großzügig in der Fußgängerzone verteilt wird, wirklich empfohlen werden kann. Da nach dem Selbstverständnis des Islam der Koran grundsätzlich nur in arabischer Sprache gelesen werden kann, ist eine Übersetzung der "vollkommenen Schönheit des Wortes Allahs" schlicht unmöglich. Fromme Muslime können in deutscher Sprache deshalb unter dem Titel "Die ungefähre Bedeutung des Al-Qur´an Al-Karim in deutscher Sprache" nur vage "Annäherungen" an den geheiligten Text zur Verfügung stellen. Wer den Koran lesen will, muß zwingend arabisch lernen.

Wer dazu freilich nicht unbedingt bereit ist, kann dennoch den Koran studieren - wenn er zu einer modernen, wissenschaftlichen Standards genügenden Übersetzung greift. Ich möchte als Anregung einige Lesetipps geben.

Sehr hilfreich ist die Übersetzung des katholischen Theologen und Orientalisten Adel Khoury ("Der Koran", Gütersloher Verlagshaus, ISBN 3-579-08024-5 für 19,90 Euro) Flüssig lesbar in einer verständlichen Sprache geschrieben berücksichtigt sie die aktuelle Forschung, ohne sich in Details zu verlieren. Sehr viel preiswerter ist die ältere, von der verstorbenen führenden Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel herausgegebene Koran-Übersetzung des Arabisten Max Henning ("Der Koran", Reclams Universalbibliothek ISBN 3-15-004206-2 für 9,60 Euro). Sie bietet einen zuverlässigen Zugang zum Text in einer vielleicht etwas altmodischen, doch schön zu lesenden Sprache.

Doch auch wer sich für eine dieser Ausgaben entschieden hat, wird wahrscheinlich schon beim ersten Blättern enttäuscht. Der Koran - auch in der besten Übersetzung - ist ein schwer zugängliches Buch. Die 114 Suren sind weder thematisch noch chronologisch geordnet. Kaum eine Geschichte wird im Zusammenhang erzählt. Oftmals verteilen sich die Inhalte über mehrere Suren. Immer wieder wird man beim Lesen gestört durch stereotyp erscheinende, in stets neuen Varianten wiederholte Mahnungen und Warnungen. Die Sprache - vor allem der Gesetzestexte - ist mitunter juristisch nüchtern, mitunter in mächtigem poetischem Ton gehalten, gespickt mit einer Fülle schwer verständlicher Bildworte.

Diese Verschlossenheit des heiligen Textes versuchte jüngst die Dozentin für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, Lamya Kaddor, mit ihrer Übertragung "Der Koran für Kinder und Erwachsene" (C. H. Beck-Verlag ISBN 3-406-57222-7 für 19,90 Euro) aufzubrechen. In einer auch für Kinder verständlichen, zusammenhängenden Erzählweise vermittelt sie zentrale Geschichten des Korans über Mohammed, Abraham, Mose, Jesus, Maria - über Gott, Schöpfung, Gehorsam, Paradies und Hölle. Verwendet werden originale Verse des Korans - allerdings befreit von ermüdenden Wiederholungen und in einen logischen Zusammenhang gebracht. Zwar hat man hier keine Übersetzung im eigentlichen Sinne in der Hand, aber wie in einer ansprechenden, auch für Erwachsene geeigneten Kinderbibel eine hervorragende Einführung in die religiöse Welt des Islam.

Wer sich über den aktuellen Stand der Koranwissenschaft informieren möchte, findet bei dem Erlanger Theologen und Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin ("Der Koran. Eine Einführung", Beck´sche Reihe Bd. 2109, ISBN 3-406-43309-X für 8,95 Euro) eine empfehlenswerte knappe Übersicht über die Entstehungsgeschichte des Korans, eine zusammenfassende Darstellung seiner theologischen Botschaft sowie hilfreiche Diskussionen mancher gesetzlicher Regelungen, zu Kleider- oder Speisevorschriften, zu Fragen des Geschlechterverhältnisse und der religiösen Rituale.

Zwar werden all diese Bücher nicht kostenlos an Büchertischen zur Verfügung gestellt. Dafür bieten sie aber jedem Interessierten ein deutlich höheres Maß an Zuverlässigkeit und Informationssicherheit.

Polizeipfarrer Dr. Martin Schulz-Rauch