Home Polizeipfarramt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Evangelische Kirche in Hessen und Nassau

Archiv: Texte

"Hier stehe ich - ich kann nicht anders!"

Meditation zu Röm 1,16

Reformationsdenkmal in Worms  Foto: Yvonne Schnur, Evangelische Öffentlichkeitsarbeit
Reformationsdenkmal in Worms
Foto: Yvonne Schnur, Evangelische Öffentlichkeitsarbeit

Andacht vor dem Lutherdenkmal in Worms anlässlich der Wallfahrt der Katholischen Polizeiseelsorge am 29.09.2013

"Hier stehe ich - ich kann nicht anders!" So soll er gesagt haben - Martin Luther - als er 1521 in Worms vor Kaiser und Welt seine Thesen verteidigen sollte. Soll er gesagt haben! Hat er aber nicht! Der Satz ist nur erfunden. Gut erfunden freilich! Denn mutig war er - jener Luther, der sich - ein Steinwurf von hier - in die Höhle des Löwen wagte. Mutig - ein kleines Mönchlein und Religionslehrer aus Wittenberg bot dem versammelten theologischen Establishment die Stirne - seine Disputationsgegner, Professor Eck aus Heidelberg und Kardinal Kajetan in Augsburg, blieben zweite Sieger. Mutig - hundert Jahre vorher stand schon einmal einer wie er vor dem Kaiser - mit ähnlichen Thesen. Johannes Hus in Konstanz - er endete auf dem Scheiterhaufen. Mutig - weil Luther sogar quälendem Selbstzweifeln trotzte: Wer bin ich eigentlich - eingebildeter Größenwahn, durchgeknallter Taliban, gewissenloser Irrer rast gegen den Rest der Welt?

Ja, mutig traute er sich was - der Dr. Luther. Denn er hatte etwas entdeckt - eine unbesiegbare Gewißheit. Während quälend langem, endlosem Studium der Bibel - zehn Jahre lang. Dann plötzlich in einzigartiger Stunde die Einsicht - heller als tausend Sonnen.

Da heißt es doch im Römerbrief: "Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben!"

"Das Evangelium ist eine Kraft Gottes": Das Evangelium - die Botschaft Jesu - mächtiger Schutzwall gegen maßlose Angriffe, sanfter Trost in dunkler Trauer, frische Quelle an grauen Durststrecken, stabiler Wanderstock auf holprigen Wegen, feste Nahrung für karge Notzeiten, helle Freude im Einerlei des Alltags. Das Evangelium ist Fundament meines Lebens, Richtschnur meines Handelns, Leitstern meines Strebens, Hoffnung in meinem Sterben. Seit Jahrhunderten darum ist regelmäßige Bibellese - alleine oder in Gesellschaft - Nährboden evangelischer Frömmigkeit. Das Evangelium ist eine Kraft Gottes - das Evangelium allein! "Sola scriptura" - wie Luther lehrte.

"Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht": Selig machen keine Päpste, Heilige, Kirchenlehrer. Klar - Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen - ist unverzichtbar, weil sie zusammenführt, was sonst getrennt bliebe. Aber selig macht die Kirche niemanden! Selig machen auch nicht Verdienste, Orden, Anerkennung. Klar - vorbildliches Tun, herausragendes Engagement für Schwache, unermüdlicher Einsatz für das Gute - alles unverzichtbar, damit unser Zusammenleben gelingt - friedlich, gerecht und erfüllend. Aber selig machen guten Werke niemanden! Selig macht allein das Evangelium, die gute Botschaft: Gott ist für uns, Gott steht zu uns, Gott hilft uns heraus - uns, die wir uns auflehnen gegen ihn, ihn ablehnen und vergessen. Selig macht allein das Evangelium, die gute Botschaft in Jesus Christus: Ich bin in Ordnung, selbst wenn ich versage; ich kann mich wieder aufrappeln, wenn ich gestürzt bin; ich bin habe eine unendliche Würde, weil ich in Jesus Christus geliebt werde. Die Verehrung des gekreuzigten Christus - in Gebeten und Liedern - ist seit jeher darum Zentrum evangelischer Frömmigkeit. Selig macht das Evangelium von Jesus Christus allein! "Solus Christus" - wie Luther lehrte.

"Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben!" Der Weg zu Gott steht allen offen - allen, die es mit ihm versuchen wollen, die ihm zu vertrauen wagen, die mit seiner Gegenwart in ihrem Alltag rechnen. Jeder Mensch ist Gott im Glauben unmittelbar verbunden - keine Vermittlungsinstanz, kein Brückenglied, kein Fürsprecher ist notwendig. Jeder hat unmittelbaren Zugang zu Gott - auch wer versagt, sich schämt, sich nicht verzeihen kann. Gott steht an seiner Seite! Jeder hat Zugang zu Gott - auch wer an ihm zweifelt, weil alles so unglaublich erscheint; ihm zürnt, weil er sich verborgen hält; ihn peinlich findet, weil Religion was für Vorgestrige ist; ihn ablehnt, weil der ganze Glaubenskram samt seinen weltfremden Kirchenfürsten fremd geworden ist. Gott bleibt an seiner Seite - bleibt näher, als mancher sich selbst. "Gott ist gegenwärtig, Luft die alles füllet" - betete der evangelische Mystiker Gerhard Teerstegen: "Du durchdringest alles, laß mich deine Strahlen fassen und in mir wirken lassen". Wie die Sonne läßt Gott im Augenblick sich fassen, wenn wir ihn suchen und finden wollen. Ohne Vorbedingungen! Allein durch Glauben! "Sola fide" - wie Luther lehrte.

"Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben!" Jeder kann an dieser Kraftquelle sich laben. Darum hat Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt.

Darum möchte ich Ihnen heute zurufen: Lest die Bibel - möglichst täglich. Überlegen Sie, was das Evangelium heute in Ihrem Alltag bedeuten könnte. Lassen Sie sich anrühren von dem menschenfreundlichen Gott, wie er in Jesus Christus hervorleuchtet aus jedem Satz des Alten und des Neuen Testament Testaments. Lesen Sie das Evangelium - und Sie werden die Kraft Gottes spüren und im Glauben wachsen. Sie werden mutig werden und selig überwinden.

Dr. Martin Schulz-Rauch, Polizeipfarramt der EKHN