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Kamerun

Ein Reisebericht

Polizeilicher Fuhrpark  Foto: Michael Grüger
Polizeilicher Fuhrpark
Foto: Michael Grüger

Kamerun ist nicht gerade als Reiseland bekannt. Anders als Namibia, das wie Kamerun bis 1919 deutsches Schutzgebiet war, steht das zentralafrikanische Land knapp über dem Äquator in keinem Touristikkatalog.

Damit war dieses Land, das deutlich größer ist als die BRD, aber nur ein Viertel unserer Bevölkerung aufweist, ein idealer Kandidat für eine interkulturelle Bildungsreise, wie sie seit nunmehr sechs Jahren von der Polizeiseelsorge angeboten wird. Ziel war die Auseinandersetzung mit der politischen, ökonomischen, sozialen und religiösen Situation eines Entwicklungslandes, das durch seine koloniale Geschichte ebenso wie durch die dreißigjährige Alleinherrschaft einer kleinen, nur schwach demokratisch legitimierten Elite geprägt ist.

Da die Städte kaum den gewohnten europäischen Standard bieten, wurde bereits das alltägliche Zurechtkommen durchaus zum Abenteuer. Überschwemmt mit einer Fülle von Eindrücken, boten Referate, Führungen und Diskussionen Möglichkeiten, sich mit Themen wie Entwicklung, Gesundheitsvorsorge, Landwirtschaft, Infrastruktur und politischen Spannungen auseinanderzusetzen. Untergebracht waren wir zunächst in den kargen Räumen eines katholischen Klosters im Zentrum der Hauptstadt Yaounde. Anschließend haben wir eine Woche im hervorragend geführten Heim der Deutschen Evangelischen Seemannsmission in Douala in einer Oase der Ruhe im Trubel eines quirligen, nachts gefährlichen Pflasters im Hafenviertel genossen. Zwei deutsche Seeleute, die zum Löschen der Ladung eine Woche ankerten, haben uns vom monatelangen Leben an Bord berichtet, während die Ehefrau des Seemannspfarrers, Frau Kühle, eindrücklich die Arbeit der Seemannsmission schilderte, die aufgrund des weitgehenden Fehlens gewerkschaftlicher Vertretung in Kamerun regelmäßig mit der Wahrung elementarer Arbeitnehmerrechte der Matrosen betraut ist.

Höhepunkte der Reise waren ein ganztägiger Ausflug zu zwei Dörfern, deren Bewohner Ananas und Kakao anpflanzen. Hier erfuhren wir, wie man ohne Strom und fließend Wasser leben kann, wenn die Schulkinder abends ihre Hausaufgaben beim Schein solar betriebener Handyakkus anfertigen und das Trinkwasser ein Kilometer weit vom Fluss herantransportiert werden muss. Gleichzeitig waren wir beeindruckt von der hohen Bildung unserer Gastgeber, die uns zunächst mit einem Tanz begrüßten und dann mit einem traditionellen Buffet bewirteten. In Vorträgen erfuhren wir von den gewaltigen Schwierigkeiten, landwirtschaftliche Produkte gewinnbringend zu vermarkten sowie vom Aufbau eines in Eigenregie genossenschaftlich organisierten Sparsystems mit der Möglichkeit der Vergabe von Mikrokrediten, etwa um Schulgebühren zu bezahlen oder die erntelose Zeit zu überbrücken.

Unerwartet waren die hervorragenden Deutschkenntnisse unserer Gesprächspartner selbst in abgelegenen Landesteilen im tropischen Regenwald. Nicht nur hier sondern auch bei zwei Besuchen in deutschen Sprachschulen, in denen man sich auf die B1-Prüfung am Goetheinstitut vorbereitet, erfuhren wir vom hohen Ansehen, das Deutschland genießt. Grund dafür mag sein, dass die deutsche Kolonialzeit nur 32 Jahre bis 1916 gedauert hatte, in denen wichtige Infrastrukturen (Straßen-, Brücken- und Eisenbahnbau) geschaffen wurden, aber - im Vergleich zum Völkermord in Namibia kaum Zeit für umfassende Greueltaten blieben. Zwar kam es auch hier zu willkürlichen Hinrichtungen etwa der räuberischen Buli-Horden, wie sich ein bayrischer Offizier in Kribi auf seinem Grabstein rühmt, der das Vaterland im tropischen Urwald (und nicht am Hindukusch) verteidigte. Dennoch sind bis heute die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern hervorragend, wie uns der stellvertretende deutsche Botschafter Lars Leymann bei einem längeren Gespräch verdeutlichte. Beispielhaft führte uns in diese Entwicklungszusammenarbeit eine Journalistin der Deutschen Welle ein, die für Brot für die Welt an der Université Protestante de Central d Afrique in Yaounde einen Studiengang für Friedensjournalismus aufbaut.

Eindrücklich waren unsere Begegnungen mit höheren Polizeiführern, die uns durchweg vom positiven Image der deutschen Polizei berichten konnten. Kennenlernen konnten wir den Direktor der Gendarmerie in Kribi. Mit ihm sprachen wir über Sicherheitsprobleme in der Region, die durch einen großen Hafen und lokalen Tourismus geprägt ist sowie über die Gefahren durch die im Nachbarland Nigeria operierende Terrorgruppe Boko Haram. Besuchen konnten wir auch einen Leiter der Polizeitechnik, der für den Fuhrpark im gesamten Land zuständig ist. Mit großer Offenheit berichtete er von Herausforderungen im Beschaffungswesen, gewährte uns Einblicke in das Besoldungssystem und formulierte bemerkenswerte polizeiliche Leitbildgedanken, die wir nicht unbedingt nachsprechen könnten. Da gerade ein Wasserwerfer aus deutscher Produktion zur Reparatur im Hof stand, gab es für einige Kollegen ein Wiedersehen mit einem altbekannten FEM. Am Ende des Gesprächs stand wie selbstverständlich der Wunsch dieses katholischen Polizeioberstleutnants, gemeinsam mit uns ein Gebet zu sprechen. Den Besuch hatte ein lutherischer Pfarrer vermittelt, der zusammen mit zehn weiteren, im ganzen Land ansässigen Geistlichen die Polizeiseelsorge versieht. Seinen Erzählungen zufolge ist dieser kirchliche Dienst innerhalb der Polizei fest verankert und wird im umfänglichen Sinne von den Beamten auf allen Hierarchiestufen häufig in Anspruch genommen. Seine Lizenziatsarbeit, die die Rolle der Polizeiseelsorge als Beitrag zur Reduktion des Leidens würdigt, konnten wir mitnehmen.

Daneben gab es zahllose weitere Begegnungen und Erlebnisse, die jeder auf seine Weise verarbeitet hat. Glücklicherweise sind trotz des ungewohnten Essens alle gesund geblieben. Dabei ist der katastrophale Verkehr auf den Landstraßen mit ungenügend gesicherten Fahrzeugen und (wahrscheinlich) auch häufig alkoholisierten Fahrern ein ebenso großes Gesundheitsrisiko wie die extreme Luftverschmutzung. Ein Vorfall, bei dem wir zeitnahe ärztliche Unterstützung gebraucht hätten, aber die nächste Krankenversorgungsstation mindestens zwei Fahrtstunden entfernt lag, ist glücklicherweise glimpflich verlaufen. Zurückgekommen sind wir voll spannender Eindrücke, die nun in einem gemeinsamen Tagebuch verarbeitet werden.

Dr. Martin Schulz-Rauch