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Predigt zur Gedenkfeier

am 02.11.2012 bei der III.BPA in Mühlheim

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Foto: III.BPA Mühlheim

Liebe Familie Eichhöfer, liebe Familie Schwalm,

sehr geehrter Herr Staatsminister,

liebe Polizeiangehörige, werte Gäste,

fast 25 Jahre sind vergangen seit dem Trauergottesdienst für Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm im Frankfurter Dom. Die Anteilnahme war groß und mancher von damals ist auch heute dabei, wenn wir der beiden gedenken: hier in Mühlheim, wo einst ihr dienstliches Zuhause war, an genau dem Tag, als sie vor 25 Jahren in Ausübung ihres Dienstes als Polizisten das Leben verloren.

Der 2. November 1987 gehört im Kalender zu den schwarzen Tagen – und das nicht nur für die Hessische Polizei. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik waren aus einer Demonstration heraus Beamte erschossen worden und weitere erheblich verletzt. Der Schock saß tief. Schon am nächsten Tag versammelten sich unzählige Menschen zu Schweigemärschen in Frankfurt und anderswo, fassungslos darüber, wie aus einer vermeintlich überschaubaren Aktion heraus ein solch heimtückischer Anschlag erfolgen konnte. Die heiße Phase um den Bau der Startbahn 18 West, die Anfang der 80er Jahre die Polizei so überaus gefordert hatte, war längst beendet, die Bahn seit 3 Jahren in Betrieb. Umso brutaler und sinnloser wurden diese Morde empfunden.

Keiner kann ermessen – es sei denn, er hätte es selbst erlebt - wie es ist, wenn am Ende eines Arbeitstages der Ehemann und Vater, der Sohn nicht mehr nach Hause zurückkehren, statt dessen ihre Todesnachricht überbracht wird. Da tut sich ein Abgrund auf, den auch die Jahre nicht wirklich schließen. Umso mehr berührt es uns heute, liebe Familie Eichhöfer, liebe Familie Schwalm, dass sie diese Gedenkstunde mit uns verbringen. Ihre Anwesenheit hat etwas ausgesprochen Tröstliches. Danke dafür. Ich glaube das auch im Sinne derer sagen zu dürfen, die im aktiven Polizeidienst stehen (oder standen), ob sie nun jene schweren Tage als Kollegen und Zeitzeugen miterlebten oder ob sie erst in der Zwischenzeit zur Polizei stießen. Die Namen und das Schicksal der beiden Kollegen von der Startbahn West sind vielen vertraut und erinnern alle daran, wie hoch der Preis für den Polizeiberuf sein kann.

Aber auch die Öffentlichkeit hat beide nicht vergessen. Einige Medien haben bereits an sie erinnert oder werden es noch tun, sind in ihre Archive gestiegen und dokumentieren, was die Menschen seinerzeit bewegte. Denn so sinnlos und brutal diese Anschläge auch waren, sie haben einiges bewegt. Die Litfaßsäule in der Ausstellung, die uns im Anschluss erwartet, bietet Zeitungsartikel jener Tage. Entsetzen und Empörung schwingen dort in jeder Zeile mit. Ebenso die Einsicht, dass mit den Schüssen auf die Polizei eine Grenze überschritten wurde, die den Freiraum, den unsere Demokratie gewährt, massiv gefährdet. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstration rechtfertigt Gewalttaten in keiner Weise. Genau das haben damals viele ganz unmittelbar begriffen. Die Aktionen am Startbahnzaun und die sogenannten „Sonntagsspaziergänge“ fanden nicht mehr statt.

Auch in der Polizei hat sich seit jenen dunklen Tagen einiges bewegt. Das Thema Eigensicherung nimmt heute in der Ausbildung mehr Raum ein und bestimmt das polizeiliche Vorgehen in differenzierterer Weise. Die Ausrüstung wurde entsprechend optimiert und auch die Begleitung und Unterstützung nach kritischen Einsätzen ist vielfältiger und wirksamer als in früheren Zeiten. Trotzdem bleibt es dabei: Dieser Beruf birgt Risiken, die in seiner Aufgabenstellung begründet sind. Das Gewaltmonopol gefährdet die, die es ausüben, weil Gewalt immer auch Gegengewalt provoziert. Gleichwohl ist der verantwortliche professionelle Umgang damit unverzichtbar für den inneren Frieden unserer Gesellschaft. Die Verheißung und der Anspruch Jesu Christi: „Selig sind die Friedensstifter“ gilt darum auch und gerade für die Angehörigen des Polizeiberufs.

Die Kirchen sehen diese besondere Aufgabe der Polizei und ihre Belastungen. Sie haben sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt in der Polizeiseelsorge engagiert. Seelsorglicher Beistand und die berufsethische Ausrichtung sind dabei die Felder, auf denen sich Polizeiseelsorger engagieren. Die Ereignisse um die Startbahn 18 West aber hat meine Kirche noch in anderer Hinsicht als Heraus-forderung begriffen. Kirchenpräsident Helmut Spengler stellte sich (und allen) bei der Trauerfeier im Frankfurter Dom die Frage: „Hätten wir nicht den Anfängen stärker wehren müssen?“ Heute ist Prävention ein unverzichtbares Instrument bei der Eindämmung von Gewalt. Es gilt, gewaltsamen Tendenzen so früh wie möglich entgegen zu steuern. Die Polizei selbst sieht darin eine ihrer Aufgaben. Letztlich aber sind alle gesellschaftlichen Kräfte hier gefordert, denen an einem friedlichen Zusammenhalt liegt - auch jeder einzelnen. Bisweilen mag es einigen Mut erfordern, den Mund auf zu machen - wo dies zu Einhalt oder gar Einsicht führt, ist dies mittelbar auch ein Dienst an der Polizei: Es entlastet sie.

Und Entlastung tut not. Die letzten Jahre ist eine stetig steigende Gewaltbereitschaft gegenüber der Polizei zu beobachten. In Frankfurt hat es unlängst bei den Demonstrationen zur Weltfinanzkrise wieder ein eklatantes Beispiele dafür gegeben. Im Umfeld der Fußballstadien sind Polizeikräfte zunehmend heftigen Angriffen ausgesetzt. Dieser Spirale der Gewalt muss mit vereinten Kräften begegnet werden.

In der gottesdienstlichen Lesung kam vorhin einer der stärksten Texte des Apostels Paulus zum Sprache: „Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes… weder Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes“ (Römer 8) – ein höchst couragierter, emphatischer Text, der selbst dem Tod noch die Stirn bietet, jenem letzten gnadenlosen Profiteur aller Gewalttat.

„Nichts kann uns trennen!“ Diese göttliche Zuversicht kann auch uns stärken und leiten im Widerstand gegen alle lebensfeindlichen Tendenzen, einen jeden in seinen Möglichkeiten und an seinem Platz:

- die Polizei in ihrer berufsbedingten Spannung von kritischer Wachsamkeit und aufgeschlossener Bürgernähe

- die politisch Verantwortlichen, um in schwierigen (und oft zwangsläufig kontroversen) Entscheidungen nicht nachzulassen im Bemühen um Transparenz und Verlässlichkeit

- die mündigen Bürger im aktiven Gebrauch ihrer Freiheit unter Verzicht auf jede gewaltsame Lösung

- die Kirchen in ihrer Verantwortung vor Gott und in ihrem Beitrag für ein friedliches lebensfreundliches Miteinander

Die biblische Losung für den heutigen Tag trifft den Punkt:

„Seid standhaft und ihr werdet euer Leben gewinnen.“ (Lukas 21,19)

Die Kraft eines solchen Wortes bewahrheitet sich manchmal erst an den schweren Tagen im Leben, wenn einem der Boden unter den Füßen schwindet. Der 2. November 1987 war für viele ein solcher Tag. Unsere Sympathie gilt darum heute vor allen ihnen, den Familien Klaus Eichhöfers und Thorsten Schwalms. Beider Tod ist uns bleibende Mahnung nicht nachzulassen im Widerstand gegen alle gewaltsamen zerstörerischen Kräfte, die unser Miteinander gefährden. Amen.

Leitender Polizeipfarrer Wolfgang Hinz