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Das Polizeipfarramt in den Jahren 1966-1973

Rückblick Pfarrer i.R. Harry Machwitz

Foto: Ursula Mahler
Foto: Ursula Mahler

In den Jahren 1966 bis 1973 war ich der erste hauptamtliche Polizeiseelsorger der Evang.Kirche in Hessen und Nassau. "Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, sich zum "Pfarrer für Polizei" ernennen zu lassen?" wurde ich gelegentlich von Mitchristen gefragt, denen solche Spezialformen des Pfarrdienstes unbekannt waren. "Auch Polizeibeamte gehören doch, wenn sie Kirchenmitglieder sind, zur Kirchengemeinde ihres Wohnsitzes und haben dort Gelegenheit, am Gemeindeleben teilzunehmen! Wozu solch ein Sonderpfarramt?!" Meine Antwort: Als damaliger Inhaber der Gemeindepfarrstelle in Mainz-Amöneburg lebte und arbeitete ich in unmittelbarer Nachbarschaft mit den Ausbildungsgruppen der III. Abteilung der Hessischen Bereitschaftspolizei, welche in der Mudra Kaserne stationiert waren. Deren damaliger Leiter, Polizeirat Kunke, legte mir dar, dass er das Ausbildungsprogramm für junge Anfänger im Polizeiberuf gerne regelmäßig durch die Mitwirkung eines Pfarrers oder einer Pfarrerin bereichern wolle. Die Heranbildung junger Leute zu zuverlässigen Persönlichkeiten, die in der Lage seien, als Polizeibeamte die Verhaltensregeln eines freiheitlichen Rechtsstaates glaubhaft gegenüber den Mitbürgern zu vertreten und, wo nötig, mit jeweils angemessenen Mitteln auch durchzusetzen, sei eine so umfassende Aufgabe, dass er sich wünsche, dass berufsethische Fragen, aber auch Fragen der persönlichen Lebensführung aus christlicher Sicht in die Ausbildung qualifiziert eingebracht und dort behandelt werden sollten.

Diesem Ruf habe ich mich seit 1961 gern gestellt, mich weitmöglich auch mit der polizeilichen Arbeit im Einzeldienst und den Menschen in diesem Dienst vertraut gemacht und das regelmäßige Unterrichtsgespräch mit den Berufsanfängern in der Mudra-Kaserne aufgenommen. Ähnliche Aufgaben hatte damals schon an der Hess. Polizeischule in Wiesbaden-Kohlheck der dortige evangelische Gemeindepfarrer Günter Baumgart übernommen. Nach wenigen Jahren hat sich diese Unterrichtsarbeit ausgeweitet; bei der Bereitschaftspolizei in Mühlheim am Main und in Mainz wurde meine Mitarbeit erforderlich; Tagungen und Begegnungen mit Beamten im polizeilichen Einzeldienst, auch Familienfreizeiten kamen hinzu, eigene Fortbildung und der regelmäßige Kontakt mit der bundesweiten "Konferenz der in nichtmilitärischen Verbänden tätigen Pfarrer" sollten gepflegt werden.

Am 1. August 1966 wurde mir das neu eingerichtete "Gesamtkirchliche Pfarramt für Polizeiseelsorge der EKHN" übertragen. Gleichzeitig durfte als Verwaltungskraft im Pfarrbüro halbtags Frau Elisabeth Otter eingestellt werden, welche noch viele Jahre n a c h Beendigung meines Dienstauftrages unermüdlich bis zu ihrem Ruhestand für die Poliseiseelsorge tätig geblieben ist.

Rückblickend wissen wir, dass von 1967 an schwere und aufregende Zeiten für die Ordnungskräfte der damaligen Bundesrepublik und Westberlins heraufkamen, wenn ich nur andeutungsweise die Stichworte: "Schah-Besuch 1967", Aktionen der "Außerparlamentarischen Opposition" in Berlin, München und Frankfurt am Main, und die schlimmen Taten, die mit den Namen "Baader, Meinhoff, Enßlin" verbunden sind, nenne. Diese Ereignisse prägten auch die Programme unserer Fortbildungstagungen für Polizeibeamte im Einzeldienst, in denen wir Klarheit über deren Ursachen zu gewinnen suchten. Im Blick auf die Zusammenstöße der Studenten mit den Ordnungskräften in Frankfurt boten unsere Tagungen immer wieder Gelegenheit, Polizeibeamte mit Studenten der Protestbewegung außerhalb der Auseinandersetzungen auf den Straßen miteinander ins Gespräch zu bringen, Verständnis füreinander zu entwickeln und nach friedlichen Austragungsformen des Protestes zu suchen.

Pfarrer i.R. Harry Machwitz + 14.03.2009