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Archiv: Texte

"Mit fröhlichem Gewissen"

Fernwirkungen Martin Luthers

Marburger Schloss
Marburger Schloss

Zum Auftakt des Reformationsjubiläum 2017 liegt eine neue Revision der Bibelübersetzung Martin Luthers vor. Dies Buch hat uns Deutsche über die Jahrhunderte sprachlich geeint und geprägt. Respektvoll nähert sich die neue Fassung wieder stärker Luthers Ausdrucksweise: "Ein jegliches hat seine Zeit" (Prediger 3,1). Die Heilige Schrift war Luthers Maßstab schlechthin. 1521 in Worms, als er vor Kaiser und Reich seinen Überzeugungen abschwören sollte, berief er sich vor allem auf sie: "So ist mein Gewissen im Gotteswort gefangen, und darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch lauter ist. Gott helfe mir. Amen." Mit dieser mutigen Haltung - immerhin war er bereits exkommuniziert, sein Leben in ernster Gefahr - wies er kirchlicher und weltlicher Macht die Grenzen auf. Indem er auf Urteilskraft und Eigenverantwortung des Einzelnen pochte, schlug er der Gewissensfreiheit eine wichtige Bresche.

Ähnliches gilt für unser modernes Berufsverständnis. Zu Luthers Zeiten wurde Arbeit eher als Strafe angesehen, als Konsequenz des Sündenfalls seit der Vertreibung aus dem Paradies. Lediglich Kloster- und Kirchentätigkeiten galten als Gott wohlgefällig und erstrebenswert. Damit räumt Luther gründlich auf. Für ihn ist jede Arbeit vor Gott gleich wertvoll, wenn sie der Gemeinschaft dient. Die Magd, der Knecht, die Hausfrau, der Schuljunge, Handwerker, Bauern oder Fürsten - alle haben ihren Beitrag zu leisten an ihrem Platz. Aus Mühsal wird Beruf, im besten Fall Berufung. Innere Erfüllung und Berufszufriedenheit sind für Luther Ausdruck wahrer Frömmigkeit - nicht schon der wirtschaftliche Erfolg, wie protestantischem Ethos gerne zugeschrieben wird. Bis heute garantiert Reichtum in unseren reformatorisch geprägten Breiten nicht automatisch Anerkennung. Umfragen bestätigen immer wieder, dass vor allem jene Berufe geschätzt werden, die den sozialen Zusammenhalt sichern und stärken, wie etwa Feuerwehrleute, Kindergärtnerinnen oder auch die Polizei. Aufgabe, Arbeitsbedingungen, die eigene Haltung und Gottvertrauen stiften Sinn und sorgen für das nötige Durchhaltevermögen: "Mit fröhlichem Gewissen darin bleiben - ob es gleich die allergeringste Hausarbeit ist." (Luther in Marburg am 3.10.1529)

Hessen mit dem jungen Landgrafen Philipp an der Spitze gehörte zu den ersten Experimentierfeldern des neuen Glaubens. Als 16jähriger hatte er Luther in Worms erlebt und begann schon bald, die neuen Ideen umzusetzen: Gottesdienstreformen, Schul-, Universitäts- und Hospitalgründungen, Sozial- und Verwaltungsreformen. Diese "Reformation zu Pferde" (Dirk Richardt) machte Hessen zu einem der modernsten Staaten seiner Zeit. Grund genug für die Polizeiseelsorge, dieser epochalen Wende und ihrer Fernwirkungen mit einer eigenen Veranstaltung 2017 in Marburg zu gedenken.

Leitender Polizeipfarrer Wolfgang Hinz