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Archiv: Texte

Das Polizeipfarramt in den Jahren 1974-1979

Rückblick Pfarrer i.R. Dr. Klaus Harms

Alles begann mit den ersten Kontakten in der Zeit meines Berliner Polizeipfarramtes (damals wegen der brisanten politischen Lage noch zurückhaltend "Pfarramt für besondere Berufsgruppen" genannt), in dem ich Pfarrer Harry Machwitz kennen lernte. 1973 fragte mich Herrn Machwitz, ob ich sein Pfarramt der Polizeiseelorge in der EKHN übernehmen wolle, da ich ohnehin eine räumliche Veränderung suchte. Dem folgte ich gerne.

Zu jener Zeit war das Polizeipfarramt an das Industrie- und Sozialpfarramt Wiesbaden-Mainz angeschlossen. So hatte ich in dieser Doppelfunktion zu arbeiten. Es versteht sich von selbst, dass diese Kombination eine völlig unbefriedigende sowohl für die eine wie für die andere Seite war, zumal ich der einzige Polizeipfarrer war. Dennoch ergaben sich in dieser Konstellation interessante Begegnungen zwischen Polizei und außerpolizeilichen gesellschaftlich relevanten Gruppen.

Die Hauptarbeit bestand natürlich im berufsethischen Unterricht und der Gestaltung der Tagungen für Polizeibeamten. Im Unterschied zu Berlin war die Zeit leider zu knapp bemessen, um an regelmäßigen Streifenfahrten der Polizei teilzunehmen. Dennoch hatte ich Gelegenheit, die Polizei bei großen Einsätzen zu begleiten. Als Beispiel nenne ich die Einsätze während der Demonstrationen in Brockdorf in Sachen der Kernenergie zusammen mit der Bereitschaftspolizei von Mainz. Zu den für alle Seiten schönsten Begegnungen zählten die all-winterlichen Skifreizeiten in Kals am Großglockner.

In diesem Zusammenhang ist rühmend die gute Vorbereitung durch unsere Sekretärin Elisabeth Otter zu erwähnen, ohne deren Einblicke in Struktur der Polizei und Erwartungen der Beamten auch sonst die Polizeiseelsorge nicht denkbar gewesen wäre.

Diese Zeit war noch geprägt von den Ausläufern der 68-70er Bewegung. Es war die Zeit großer politischer und gesellschaftlicher Veränderungen aber auch die Zeit, in der wir mit den Phänomen des "Terrors" durch die RAF vertraut wurden. Es war die Zeit größter Empfindlichkeit. Wie in Berlin sah ich meine Aufgabe als Polizeipfarrer in einer Brückenfunktion zwischen Polizei und polizeilichem Gegenüber. Ein Dokument jener Zeit war die Veröffentlichung einer Handreichung für Polizeibeamten "In erster Linie die Menschenwürde ..." in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Erhard Meueler von der Universität Mainz, damals noch als Oberkirchenrat amtierend. Die Thematik jener Zeit ist inzwischen sicher einer anderen gewichen.

Pfarrer i.R. Dr. Klaus Harms