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Archiv: Texte

"Kommt, reden wir zusammen..."

Über die segensreichen Wirkungen des Gesprächs

"Kommt, reden wir zusammen," so beginnt Gottfried Benn eines seiner Gedichte, denn: "...wer redet ist nicht tot." Was auf den ersten Blick wie eine banale Selbstverständlichkeit erscheint, gewinnt bei näherer Betrachtung seinen Sinn. Beziehungskrisen können einen lehren, was gemeint ist. Wo nicht mehr miteinander geredet wird, zwischen Anschreien und Anschweigen keine andere Kommunikation mehr möglich ist, kann es rasch tödlich werden - zumindest für das Zusammenleben und -arbeiten. Nicht von ungefähr gilt die Sprache als das wichtigste menschliche Verständigungsmittel. Wenn das versagt, ist körperliche Gewaltanwendung oft nicht weit. Wer wüsste dies besser als die Polizei ? Umso wichtiger ist es "ins Gespräch zu kommen" und "im Gespräch zu bleiben" - auch für uns Polizeiseelsorger. Und das in dreifacher Hinsicht.

Unserem kirchlichen Auftrag, die Polizei als besonders geforderten und belasteten Berufsstand zu begleiten und zu unterstützen, kommen wir vor allem gesprächsweise nach. Kontakte suchen und pflegen ist im wahrsten Sinne des Wortes unser täglich Brot. Als Betriebsfremde und doch -kundige bringen wir ein belebendes Moment mit ein. So mancher Smalltalk, nicht selten auch das Geplänkel über Kirchenbindungen, mündet in Themen, die beide Seiten positiv überraschen. Ein gelungenes Gespräch macht an sich schon froh, umso mehr, wenn es neue Einsichten bringt oder entlastet.

Eine weitere Aufgabe sehen wir Polizeiseelsorger darin, Polizeibedienstete untereinander ins Gespräch zu bringen. Die Erfahrung zeigt, dass dies trotz intensiver Zusammenarbeit oft zu kurz kommt. Während des Dienstes reicht einfach die Zeit nicht für tiefer gehende Klärungen der Dienstgruppen. Darum sind Gesprächsrunden hilfreich, die abgesetzt vom Tagesgeschäft der Betrachtung eigener Dinge dienen. Erfahrungen teilen, mitteilen, ist überdies ein höchst wirksames Mittel der Entlastung. Seit bald fünf Jahren begleite ich eine Frankfurter Dienstgruppe, die sich in regelmäßigen Abständen auf dem "exterritorialen" Boden des Polizeipfarramtes trifft. Obwohl sich die Zusammensetzung der Gruppe in der Zwischenzeit mehrfach geändert hat, beteiligten sich auch die "Neuzugänge" bislang durchweg an dem Unternehmen. Diese Gesprächsbereitschaft, wechselseitige Vertraulichkeit und die Anerkennung der dienstlichen Relevanz sind dabei wichtige Vorrausetzungen. Über den Umgang mit den konkreten In- und Externa hat sich im Laufe der Jahre eine Vertrauensbasis gebildet, die den Beteiligten zusätzlichen Rückhalt in ihrem oft aufreibenden Dienst bietet und im Ernstfall rasch zu aktivieren ist. Meine Rolle als Pfarrer ist dabei vor allem die eines Moderators, der nachfragt und anregt, nicht die eines "Vorbeters".

Trotzdem ist das Gebet für mich persönlich eine weitere wichtige Gesprächsebene, auch wo das nicht explizit wird. Wer sich ins Gespräch begibt, kriegt ggf. eine Menge mit und ab. Alles aufnehmen ohne sich davon erdrücken, lähmen oder den Boden unter den Füßen wegziehen zu lassen, ist manchmal nicht ohne. Auch das ist eine Erfahrung, die gerade der Polizei nicht fremd ist. Solch "bodenlosen Zuständen" begegnet man am besten durch Rückbesinnung auf die eigenen Grundlagen: "Darum lassen wir von dem Tag an, an dem wir´s gehört haben, nicht ab, für euch zu beten und zu bitten..." (Paulus an die Kolosser, 1,9). Auch Gott lässt mit sich reden.

Ltd.Polizeipfarrer Wolfgang Hinz