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Aufgaben und Ziele der Polizeiseelsorge

Polizisten arbeiten an den Brennpunkten der Gesellschaft. Täglich begegnen Beamte Menschen mit schwierigem, nicht selten kriminellem Charakter. Sie werden Zeuge von überwältigendem Leid und großer Trauer. Von ihnen wird erwartet, mutig und beherzt im ersten Angriff unübersichtliche Situationen zu stabilisieren, in denen selbst Leib und Leben gefährdet werden können.

Dass solches nicht spurlos an einem vorübergeht, hat mancher schon erlebt. Etwa wenn man es als Niederlage empfindet, aus einer Auseinandersetzung nur als 2. Sieger hervorgegangen zu sein. Oder wenn man sprachlos einem verzweifeltem Menschen gegenübersteht und vergeblich nach Worten des Trostes ringt.

Sicher perlt manches mit der Zeit von einem ab. Man darf sich nicht jeden Schuh anziehen. Außerdem müßten viele Probleme eigentlich von der Politik oder Fachleuten wie Pädagogen und Sozialarbeitern gelöst werden. Man weiß, sich zu distanzieren und das meiste achselzuckend links liegen zu lassen.

Doch über die Zeit hinweg bleibt von den vielen, im einzelnen gut bewältigten Situationen etwas in den Kleidern haften. Das führt zu typischen "Berufskrankheiten" eines Polizisten, die besonders im Privatbereich auffallen, etwa ein gesteigertes Mißtrauen oder automatisch ablaufende Maßnahmen der Eigensicherung selbst in den eigenen vier Wänden. Es ist die tägliche, über das normale Maß hinausgehende Belastung, die in Jahren aufgetürmt manchem irgendwann zuzusetzen beginnen - wenn es nicht ein bestimmtes herausragendes Ereignis ist, mit dem man einfach nicht fertig wird.

Polizeibeamte sind von Beruf Helfer. Aber auch Helfer können gelegentlich hilflos sein und bedürfen der Hilfe.

Polizisten Hilfe und Begleitung anzubieten, ist die Aufgabe der Polizeiseelsorge. Hier kann man

- über Niederlagen und Enttäuschungen sprechen,

- für Frust und burn-out ein offenes Ohr finden,

- familiäre Konflikte und Ärger auf der Dienststelle offen diskutieren,

- bei Schuld und schlechtem Gewissen Trost und Zuspruch sich holen,

- aber auch Fähigkeiten einüben, emotional schwierige Situationen künftig besser zu meistern.

Polizeiseelsorge ist ein durch den Dienstherrn gefördertes, jedoch unabhängiges Angebot der beiden großen Kirchen. Auf dem Hintergrund von Schweigepflicht und gesetzlich garantiertem Zeugnisverweigerungsrecht sollen - ohne "missionarische" Anmache - Polizisten in ihrem Dienst unterstützt werden.

Sicher ist es nicht einfach, solche Hilfe anzunehmen. Ist es für Polizisten im Einsatz doch geradezu überlebenswichtig, Stärke nicht nur auszustrahlen, sondern auch wirklich über Stärke zu verfügen. Über lange Jahre derart trainiert, fällt es umso schwerer, in gewissen "schwachen Stunden" ein Bedürfnis nach Unterstützung einzugestehen. Mancher mag auch den Spott der Kollegen über das vermeintliche Weichei fürchten. Natürlich ist es keine Schande, sensibel und empfindungsfähig zu reagieren. Dennoch scheut man das offene Gespräch über seine Belastung.

Die Polizeiseelsorge will zu einem ehrlichen Wort einladen! Kein Thema, das nicht offen - ohne Angst vor Abwertung oder negativer Beurteilung - angesprochen werden kann. Selbstverständlich soll niemandem ein Glauben "übergestülpt", oder plumpe Werbung für eine bestimmte Glaubensrichtung gemacht werden. Willkommen ist auch jeder, der keine oder nur sehr lockere kirchliche Bindungen hat - ebenso jeder, der einer anderen als der evangelischen Kirche angehört. Die Polizeiseelsorge ist seit Jahrzehnten erfolgreich ökumenisch orientiert.

Über die Einzelgespräche hinaus versucht die Polizeiseelsorge durch ein breites Angebot an Tagungen, Familienfreizeiten, Seminaren auf der Dienstelle sowie durch Mitarbeit in der Aus- und Fortbildung an der Verwaltungsfachhochschule und der Hessischen Polizeischule mit ihren spezifischen Themen einen unterstützenden Beitrag zu leisten. Die Wertevermittlung soll helfen, den eigentlichen Dienst besser ausgerüstet verrichten zu können.

Doch der Mensch lebt bekanntlich nicht von Brot und Arbeit alleine. Gottesdienste, Andachten, Neu-jahrsempfang oder Adventsfeiern - häufig mit den ökumenischen Partnern und tatkräftiger Hilfe engagierter Polizeibeamter durchgeführt - laden zum Nachdenken, Erholen und zur seelischen Stärkung ein.

Egal, ob Sie jemanden brauchen, um sich offen auszusprechen, ob Sie gemeinsam mit uns beraten wollen, eine bestimmte Krise anzugehen oder ob Sie Interesse an einer Fortbildung oder einem Gottesdienst haben, Sie können sich darauf verlassen, dass unser Ohr Endstation für alles Gehörte ist. Rufen Sie uns an - auch zur "Unzeit". Oder sprechen Sie mit uns, wenn wir uns gelegentlich begegnen. Wir freuen uns auf das Gespräch mit Ihnen.

Dr. Martin Schulz-Rauch